Einen schwachen Abglanz dieser altrömischen Kaiserherrlichkeiten bewahrte das die Ansprüche des Imperiums an sich reißende Byzanz, bis auch dieses in greisenhafter Entartung dahinzuwelken begann. Nach dem endlichen Untergange der Weltherrschaft Roms verschwand in den Wirren und der Not der Zeit allmählich alle diese bis dahin beispiellose Pracht im Abendlande, wo die durch die Völkerwanderung mobil gewordenen Barbarenstämme die Schöpfungen der Römer wohl anstaunten, aber kein Verständnis für sie hatten, geschweige denn sie mit Sachverständnis übernehmen und weiterbilden konnten. Die politischen und zugleich auch geistigen Erben der Römer waren zunächst die Araber, denen im Laufe des frühen Mittelalters der größte Teil des römischen Weltreiches, nämlich Vorderasien, Afrika, Südspanien und Sizilien, zufiel. Aus den einstigen umherschweifenden Hirtenstämmen waren seßhafte Stadtbewohner geworden, die in den von ihnen eroberten alten Kulturländern die feinere Lebensführung der unterjochten Völker verständnisvoll übernahmen und ihren persönlichen Bedürfnissen anpaßten. So wurden die Villen und Gärten ihrer Vorgänger, die sie überall auf ihrem Siegeszuge vorfanden, für sie Vorbilder, nach denen sie ihre Städte mit einem Kranze üppiger Gärten umgaben, wie sie heute noch beispielsweise die Stadt Damaskus aufweist, eingeschlossen von hohen Mauern, wie es die Abgeschlossenheit des häuslichen Lebens ihrer Bewohner verlangte. Es waren regelmäßige Anlagen, mit breiten, geraden Hauptwegen und rechteckigen Feldern, auf denen im bunten Wechsel ein reicher Blumenflor mit lauschigen Plätzen von Schattenbäumen und farbigen Kiosken sich fanden. Auf abschüssigem Boden senkte sich der Garten in Terrassen, die mit Treppengängen verbunden waren. Mit raffiniertem Geschick war die Bewässerung, namentlich in wasserarmen Gegenden, durchgeführt. Offene Kanäle und unterirdisch geführte Ton- oder Kupferröhren durchzogen den Boden, jeden der Bäume des Gartens besonders speisend. Unter diesen spielte naturgemäß die Dattelpalme aus alter Anhänglichkeit die größte Rolle.

Im Garten des maurischen Sommerpalastes von Generalife (arabisch dschenat al arif, d. h. Garten des Baumeisters) in der Nähe der Alhambra (arabisch kelât al hamrah, d. h. die rote Burg) bei Granada aus dem 13. Jahrhundert führt ein in Marmor gefaßter Kanal das Wasser aus weiter Entfernung vom Gebirge in den hoch gelegenen Garten. In ununterbrochenen Kaskaden stürzt es in ihm hinab, um schließlich in ein Becken mit einem hohen Springbrunnen zu fließen, von wo es dem Garten in kleinen Rinnsalen zur Tränkung der Pflanzen zuströmt. Überaus groß war der Blumenreichtum dieser Gärten. Eine arabische Inschrift an einem der zierlichen Kioske dieses Gartens von Generalife sagt: „Dein Garten ist geziert mit Blumen, die von ihren Stengeln die süßesten Düfte aushauchen. Frische Luft durchstreicht den Zitronenbaum und verbreitet den Wohlgeruch seiner Blüten weit umher. Rund um mich her verbreitest du Harmonie, Blumen und Grün.“ Begreiflicherweise war der Eindruck, den die abendländischen Kreuzfahrer von solchen arabischen Gärten des Morgenlandes erhielten, ein sehr starker und nachhaltiger. „Darinne stund manig zederbaum mit eßten laubes riche“ heißt es von einem sarazenischen Garten in einem Gedicht des Minnesängers Heinrich von Veldeke aus dem Jahre 1180, und man empfindet die große Bewunderung der Beschauer, wenn in solchen Springbrunnen von „grunem mermelstein“ und die das dazu nötige Wasser herbeiführenden Leitungen „mit funffzig hoen swybogen“ beschrieben werden.

Es ist immerhin wenig, was wir von den arabischen Gärten des Mittelalters wissen. Schlösser von märchenhafter Pracht mit den prunkvollsten Gärten müssen nach den Schilderungen der arabischen Schriftsteller aus jener Zeit die Kalifen aus dem Geschlechte der Abbasiden in Bagdad, der damals größten und in bezug auf Industrie und Wissenschaft bedeutendsten aller arabischen Städte, besessen haben. Von dem damals hier getriebenen Luxus meldet uns ein Gesandter des griechischen Kaisers in Byzanz, der im Jahre 917 mit einer Botschaft an den Fürsten der Gläubigen von Mosul aus den Tigris hinunterfuhr. Die Truppen bildeten vom Stadttor an im Paradeanzug Spalier und saßen auf silbernen und goldenen Sätteln. Das Schloß wimmelte von Hunderten von Kammerherrn nebst Tausenden weißer und schwarzer Diener. 38000 der kostbarsten Teppiche waren überall aufgehängt und 22000 waren zum Beschauen ausgestellt. Im kostbaren, mit Arkaden aus Marmor geschmückten Stall standen tausend Pferde, von denen jedes von einem kostbar gekleideten Bereiter am Zaum gehalten wurde. Im Tiergarten sah der Gesandte unter anderem vier prächtig aufgezäumte Elefanten und hundert Löwen. Dann führte man ihn zu einem zwischen zwei Wäldchen gebauten Pavillon. Darin war ein mit Zinn belegter Teich, 30 Ellen lang und 20 Ellen breit, der wie Silber glänzte. Darauf ruhten vier leichte, vergoldete und mit gestickter Leinwand ausgeschlagene Kähne. Um den Teich herum standen 400 Palmen, den unansehnlichen Stamm mit kostbarem indischen Tiekholz bekleidet, das von vergoldeten Reifen zusammengehalten wurde. Am besten aber gefiel dem Gesandten das „Baumhaus“; darin stand ein aus Silber und Gold verfertigter Baum, dessen Blätter im Winde zitterten. In den Zweigen saßen künstliche Vögel, welche sangen und girrten. In allen Teilen des auf das kostbarste ausgestatteten Schlosses boten Diener und Sklaven in Schnee gekühltes Wasser, Fruchtsäfte und Reisbier herum. Zuletzt kam man vor den Kalifen, der in schwarzen, goldgestickten Kleidern auf einem schwarzen Thron von Ebenholz saß, auf dem Haupte die edelsteingeschmückte Mitra. Vor ihm standen fünf Söhne, drei zur Rechten und zwei zur Linken. Die Audienz nahm den üblichen Verlauf. Nachher schickte man dem Gesandten 50 Beutel mit je 4000 Mark in sein Absteigequartier. Der Ehrenadjutant erhielt Ehrenkleider, da es noch keine Orden gab.

Den von prunkvollen Gärten umgebenen Schlössern liebte man schöne Namen zu geben, wie „das Liebesgestirn“, „die Braut“, „der König“, „die Krone“, „der Liebende“, „der Geliebte“. Außen erschienen sie ziemlich einfach, waren aber innen um so luxuriöser eingerichtet. Von den üppigen Sitten der hier Wohnenden zeugt die eine Tatsache, daß, als dem Statthalter Chumarnje vom Arzte Massage verordnet wurde, er, um dem Daumen des Masseurs zu entgehen, den Teich seines Gartens mit Quecksilber füllen und eine seidene, an goldenen Bolzen straffgespannte Matte darauflegen ließ. Darauf wurde er die ganze Nacht hindurch geschaukelt und so auf das Zarteste massiert.

Über die Privatgärten aus Bagdads Blütezeit sagt uns der Orientalist A. Mez, dem wir auch obige Angaben verdanken: „Einen großen Garten am Hause konnten sich nur die Allerreichsten leisten, die Wohlhabenden hatten ihn draußen vor den Toren. Da es keinen Rasen gab und der Palmstamm als häßlich empfunden wurde, so mußte man mit der Mischung von Blumen und Wasser auskommen; dazwischen stand als Gartenbaum die köstliche, ernste Zypresse. Blumenkönigin war auch hier die Rose, danach kam die Narzisse. Gern wurde das helle Rot der Rosen mit dem dunkeln der Anemonen zusammengestellt.“

„Rosen stehen um Anemonen herum in deinem herrlichen Garten,

Als ob Menschengesichter ringsum in eine Feuersbrunst starrten.“

(Sanaubari in Schabuschtis Klosterbuch, Handschrift Berlin, Folio 96 b.)

Dann das Veilchen „im Trauerkleide“, Jasmin, weißer Mohn, Granaten, Minze, Nelken, Lilien, Myrten und ein paar orientalische Spezialitäten: Churram, Sausam und Behâr. Auf dem Teiche lag „wie große Goldstücke“ der Lotos. Also kein Vergleich mit der ostasiatischen und amerikanischen Pracht, über welche der heutige Blumenfreund verfügt; sogar die Tulpe fehlte. In diese bunte Welt wurde eine Loggia oder ein Pavillon mit Kuppelhut hineingebaut; dorthin lud man die Freunde ein, aß und trank, labte das Auge an Schänke und Schänkin, am Tanz von Knaben und Mädchen, das Ohr am Singen der Vögel, an kunstreichem Saitenspiel und Gesang. Man freute sich der Aussicht, wenn nachts der Vollmond am Horizont lag „wie Gold auf blauen Hyazinthen“, oder bleich und dünn der junge Mond „wie, was man sich vom Nagel abschneidet“, wenn die Zypressen als hochgeschürzte junge Mädchen im Windeswehen spielten. Hier zechte man gerne nachts beim Schall von Zithernlaute, Flöte und Pauke. Das Gemach war mit Blumen bestreut. Die Zecher trugen Blumenkränze auf dem Haupt und warfen sich Blumengrüße zu. Sie erwarteten vom Wein und der Musik, daß „ihre Seele flog“; dann „tanzten“ sie, hüpften auf einem Bein, seufzten oder rannten mit dem Kopf gegen die Mauer, — letztere Übung sah man auch an der Inbrunst der Frommen gern.

Tafel 133.