Wie die Rose das Sinnbild der blühenden Jugend, der Liebe und Fruchtbarkeit war, so galt sie den Römern auch, weil die zahlreichen Blumenblätter das Innere verhüllen, als Zeichen der Verschwiegenheit und wurde deshalb in den Speisesälen über der Tafel aufgehängt und bei Trinkgelagen in Kränzen um die Becher gewunden, um vor Plauderhaftigkeit in der Weinseligkeit zu warnen. Eine Nachahmung dieses altrömischen Brauches war es, wenn der mönchisch strenge Papst Hadrian VI. (1522–1523), der auf die Abstellung der kirchlichen Mißbräuche und Zurückführung des römischen Hofs auf apostolische Einfachheit bedacht war, als Symbol der Verschwiegenheit Rosen an den Beichtstühlen anbringen ließ. Der bekannte Ausdruck: sub rosa (unter der Rose, d. h. im Vertrauen) hat hierin den Grund seiner Entstehung.

Bei der Christianisierung des sich zersetzenden Römerreiches zog mit dem Eindringen der neuen Religion die sogenannte Arkandisziplin, d. h. Geheimlehre, welche die von den heidnischen Mysterien herübergenommene Praxis, Taufe, Abendmahl, Salbung, Glaubensbekenntnis und Herrengebet vor den Nichtgetauften geheim zu halten gebot, auch die Rose in ihren symbolisierenden Kreis, indem sie das rote Blut Christi und rote Rosen in Wechselbeziehung zueinander treten ließ, wie verschiedene Katakombenbilder andeuten. Rosen und Rosenkränze wurden zu Symbolen des Martyriums und dienten den die Gedenktage solcher Feiernden zum Ausschmücken der Martyrergräber. Da mit der Erklärung des Christentums als Staatsreligion durch Konstantin im Jahre 323 die heidnischen Kulte unter christlichem Gewande weiterbestanden, so ging die Rose von dem Dienste der Isis mit dem Horusknaben auf dem Arm in denjenigen der gleicherweiser dargestellten und verehrten Maria mit dem Jesusknaben auf dem Arm über. Als Himmelskönigin wurde Maria durch die Rose symbolisiert (rosa mystica) und diese Blume — einst der Aphrodite-Isis heilig — wurde die Marienblume par excellence, mit der man die Marienbilder im Marienmonat, dem Mai, vorzugsweise schmückte und über die sich die Dichter des Mittelalters in überschwenglichen Allegorien ergingen. In vielen Legenden wird sie gefeiert und dient öfter als Veranlassung zur Gründung einer Kirche oder Kapelle. Man denke nur an die berühmte Sage, die sich an den uralten Rosenstock von Hildesheim knüpft. In anderen Fällen wird sie als Liebeszeichen der Himmelskönigin vom Himmel auf die Erde gesandt, und dieser zu Ehren wird auch die bei Buddhisten und Muhammedanern gebräuchliche Gebetschnur, als deren Vorgänger sich christliche Mönche und Einsiedler zum Abzählen ihrer Gebete und Psalmen loser kleiner Steinchen bedienten, Rosenkranz genannt.

Im Mittelalter, wo so viele Kulturen zugrunde gingen, blieben doch Rose und Lilie als besonders der Himmelsmutter geweihte und mit ihr in Zusammenhang gebrachte Blumen, die zudem verhältnismäßig leicht zu ziehen waren, in den Gärten Mitteleuropas gewöhnlich. Die Dichter dieser Zeit, denen keine große Auswahl solcher Blumen für ihre Schilderungen zu Gebote standen, sprechen öfter von diesen beiden Edelblumen, die die himmlische Anmut und Reinheit der heiligen Jungfrau darstellen sollten. Und wie gotische Kirchen sich mit steinernen mystischen Rosen schmückten, so pflegte auf den Bildern der Verkündigung der Erzengel Gabriel den schlanken Lilienstengel zu tragen, deren weiße Blüten aber charakteristischerweise nur Blumenkelche ohne Staubfäden — zur Versinnbildlichung der unbefleckten Empfängnis — aufweisen.

Auch in die Wappensprache jener infolge des starken Vorherrschens der Analphabeten bildlich denkenden Zeit gingen beide Blumen über. Wie drei Lilien, die angeblich aus Lanzenspitzen hervorgegangen sein sollten, seit 1150 das königliche Wappen und das Sinnbild des legitimen Königtums Frankreich waren, die auch der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans, bei ihrer Erhebung in den Adelstand durch Karl VII. am 17. Juli 1492 verliehen wurden, so bildete im 15. Jahrhundert die rote und die weiße Rose das Abzeichen der Parteigänger der Häuser Lancaster und York in den Wirren, die bei der Schwäche des Königtums in England wüteten.

Auch auf Münzen erscheint die Rose nicht selten; ferner gewann sie als geheimnisvolles Symbol der mittelalterlichen Bauhütten eine große Bedeutung, die sich bei den Freimaurern bis auf den heutigen Tag erhielt. In den Kelchblättern der Rosenknospe ist nämlich deutlich das Pentagramm oder der Drudenfuß, das wahrscheinlich von den alten Ägyptern übernommene geheime Erkennungszeichen der Pythagoräer, das auch bei den Kelten als Druidenfuß ein heiliges Zeichen war und auf alten gallischen Münzen nicht selten abgebildet ist, in der spiraligen Aufeinanderfolge der einzelnen Blätter zu erkennen. Die geometrischen Proportionen desselben bezeichneten die Jünger der Baukunst seit dem hohen Altertum als göttliche Proportionen oder goldenen Schnitt, weil alle ästhetisch schöne Baukunst von den altägyptischen Tempeln bis zu den gotischen Domen des Mittelalters bewußt oder unbewußt in deren Gesetzen wurzelt. Am häufigsten sind sie im Grundriß des Hauptschiffes und in der Fassadengliederung zu erkennen.

Wie bei den Kulturvölkern des Altertums wurden auch bei den Deutschen und den anderen europäischen Völkern des Mittelalters als Frühlingsfeier Rosenfeste in sogenannten Rosengärten gefeiert; es waren dies von Rosenhecken umgebene Plätze, in denen die Festfeiernden mit Rosen geschmückt zusammenkamen. Solche Rosengärten gab es bei allen größeren Städten, in Worms sogar zwei. Und da später statt rosa mehrfach die Bezeichnung flos campi benutzt wird, so läßt sich daraus schließen, daß sich die Rosengärten allgemein als mit Blumen eingefaßte Plätze zur Abhaltung von Volksfesten umschreiben lassen. Schon der altdeutsche Sänger sagt: „Diu rôse ist diu schoenste under aller blüete“, daher ist auch jener höchst anspruchslosen Zeit der Rosengarten der schönste unter allen Gärten, mit dem die herrlichsten Dinge verglichen werden. Bei dieser großen Beliebtheit und Volkstümlichkeit der Rosengärten ist es kein Wunder, daß sie dann auch in Sage und Dichtung eine nicht unwichtige Rolle spielten. Es sei hier nur an den zu Ende des 13. Jahrhunderts von einem ritterlichen Sänger gedichteten „Kleinen Rosengarten“, der die Kämpfe Dietrichs von Bern (des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen, der 489 Odoaker bei Verona besiegte und deshalb in der Sage als Dietrich von Bern weiterlebt) mit dem Zwergkönig Laurin und dessen Zaubergarten schildert, und an den von demselben Verfasser stammenden „Rosengarten von Worms“ erinnert, welch letzterer, der neben Rosen auch andere schöne Blumen trug, vom Nibelungenhelden Siegfried mit elf anderen Helden für die von ihm in Liebe umworbene Kriemhild, der Tochter des Königs Giebich von Worms, bewacht wurde. Auch bei den festlichen Veranstaltungen der Ritterzeit, besonders des 14. Jahrhunderts, spielte die Rose mit anderen Blumen eine große Rolle. In diesem kriegerischen Zeitalter wurden mit Vorliebe, wie wir auch auf zeitgenössischen Malereien und Elfenbeinschnitzereien sehen, von festlich geschmückten Damen eine für diesen besondern Zweck erbaute sogenannte Minneburg verteidigt, die dann von den Herren eingenommen werden mußte. Als Wurfgeschosse dienten allerlei Blumen, besonders Rosen, dann kleine Früchte, Kuchen und andere Leckereien, statt siedenden Wassers wurden Parfüms herabgegossen, bis endlich die Ritter unter einem Blumenregen die Burg erstürmten und die Damen gefangen nahmen.

Die bei den Römern noch in spätester Zeit gefeierten Rosenfeste, rosaria oder rosalia genannt, bei welchen man an verschiedenen Tagen des Mai und Juni die Gräber mit Rosen schmückte und gemeinsame Mahlzeiten abhielt, bei denen den Teilnehmern Rosen als die Gabe der Jahreszeit verabreicht wurden, erhielten sich in Illyrien und auf der Donauhalbinsel als rusalia weiter, und aus diesem mit Pfingsten in Zusammenhang gebrachten Frühlingsfest entwickelte sich bei den Serben, Slowenen, Weiß- und Kleinrussen, in ähnlicher Weise auch bei den Walachen und Albanesen das fröhliche Naturfest rusalija. Bei diesem wurde dann in Mißverstehung des ursprünglichen Sinnes des von rosa her genannten Festes die Sage von Russalky geheißenen überirdischen weiblichen Wesen abgeleitet, die um diese Zeit Feld und Wald beleben und Fruchtbarkeit spenden sollen.

Mit diesem römischen Rosenfeste hängt auch die im Frühling, am vierten Fastensonntage, dem Sonntage Lätare, vom Papst in feierlichem weißem Gewande in Gegenwart des Kardinalkollegiums in einer mit Rosen geschmückten Kapelle am Altare geweihte goldene Rose, die hernach als segenbringend an Fürsten und Fürstinnen, auch Kirchen und Städte verschenkt wurde. Er tauchte sie zuerst in Balsam, bestreute sie dann mit Weihrauch, besprengte sie mit Weihwasser und betete indessen zu Christus als der Blume des Feldes und zu Maria als der Lilie des Tales. Als besondere Auszeichnung erhielt unter anderen auch Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen kurz vor der Einführung der Reformation, ebenso in jüngster Zeit die wahnsinnige Kaiserin Charlotte von Mexiko und die bei aller Lasterhaftigkeit höchst bigotte Königin Isabella II. von Spanien die goldene Rose. Nachrichten über diesen Gebrauch, der auf altrömische Vorstellungen von der Bedeutung der Rose als Symbol des Lebens und der Vergänglichkeit zurückgeht, gehen bis ins 11. Jahrhundert, in die Zeit Leos XI., zurück. Dann werden in der katholischen Kirche als weiterer Überrest der altrömischen rosalia bis auf den heutigen Tag am Pfingstsonntage, den pascha rosata (italienisch domenica de rosa), Rosen von der Höhe der Kirche auf den Boden herabgelassen.

Bei solch großer Bedeutung, die der Rose in Volkssitte und Religion zukam, kann es uns nicht wundern, daß ihre von den Römern durch Vermittlung der Klöster übernommene Kultur auch in den trüben Zeiten des Mittelalters in Europa erhalten blieb und mancherorts sogar die Kunst des Treibens derselben geübt wurde. So berichtet uns der Chronist Johann von Beka von einem am 6. Januar 1249 vom gelehrten Dominikaner Albertus, wegen seiner ausgedehnten Gelehrsamkeit Magnus, der Große, zubenannt (1193–1280), in Köln Wilhelm von Holland gegebenen großen Bankett, an welchem „durch wahrhaft magische Kunst“ — wie sich der erstaunte Berichterstatter ausdrückt — blühende Rosen zu sehen waren. Wenn diese Blume auch späterhin bei allen Völkern Europas die wohlverdiente Wertschätzung genoß, so spielt sie doch im Leben des an bunten Farben und Wohlgerüchen sich ganz besonders erfreuenden Orientalen eine noch viel wichtigere Rolle. Speziell in ihrer alten Heimat Persien blüht sie beinahe das ganze Jahr hindurch in köstlicher Fülle und in herrlich duftenden gefüllten Sorten, die bei den auch dort noch seit alter Zeit gefeierten Frühlingsfesten eine wichtige Rolle spielen. Wie haben die persischen Dichter seit dem Firdûsi, d. h. der Himmlische, genannten Abul Kâsim Mançûr (940–1020) bis heute die Rose als Königin der Blumen immer wieder gefeiert und die Liebe zwischen ihr und der Nachtigall (einer Bülbül genannten Kurzfußdrossel aus der Gattung Pycnonotus und nicht unsere einheimische Nachtigall) besungen. Welche Wichtigkeit kommt ihr nicht zur Herstellung des dort allgemein beliebten Rosenzuckerwerks und der köstlichen Rosenessenz zu, welch letztere persische Ärzte im 9. Jahrhundert zuerst destillierten. Ersteres, das wie im ganzen Orient, so auch in der Türkei und in Griechenland durch Einlegen der wohlriechenden Rosenblätter in Zucker gewonnen wird, ist der volkstümlichste Leckerbissen, während mit Honig gekochte Rosenblätter in Limonaden das beliebteste Volksgetränk der muhammedanischen Welt bilden.