Bevor wir uns weiter mit dem Triumphzuge der Gartentulpe durch das Abendland beschäftigen, ist es am Platze, hier einige Worte über die Türken, die sie uns mit der Kaiserkrone und den Hyazinthen verschafften, und ihre Freude an Blumen zu sagen. Schon der französische Reisende Belon spricht mit Bewunderung von den Gärten, die er 1558 in der Türkei sah. Er sagt darüber: „Es gibt kein Volk, das mehr die Blumen als Zierde liebt und sie höher schätzt, als die Türken; dabei würdigen sie weniger deren Geruch, als besonders deren Formen und Farben. Sie tragen mehrere Arten derselben in den Falten ihres Turbans mit sich, ja, die Handwerker haben bei der Arbeit Blumen von verschiedenen Farben in Wassergefäßen vor sich stehen. Das Gartenwesen ist bei ihnen so gut als bei uns in großem Ansehen und sie scheuen keine Kosten, sich fremde Bäume und Pflanzen zu verschaffen, besonders solche, die schöne Blüten besitzen.“ Ähnlich drückt sich Gislenius Busbequius aus, der von 1550 an als deutscher Gesandter in Konstantinopel weilte, und fügt dem hinzu, daß die Türken häufig Blumen verschenken und, obwohl geizig in andern Dingen, viel Geld dafür ausgeben. Außer Rosen, Flieder, Veilchen, Anemonen, Lilien und Hyazinthen zögen sie mit Vorliebe Tulpen. In jedem Frühjahre feierten sie ein Tulpen- oder Lampenfest, indem sie den Tulpenflor abends mit verschieden gefärbten Lampions beleuchteten. Einmal habe ein Großvezier den Einfall gehabt, lebende Schildkröten zu Trägern seiner Lampen zu verwenden; diese wandelnden Leuchter zwischen den blühenden Tulpen- und Hyazinthenbeeten müssen allerdings dem Feste einen eigenartigen Reiz verliehen haben.

Das türkische Erbe der Tulpen- und Hyazinthenverehrung traten die Holländer an, die außer der Freude am Kleinen, Zierlichen besonders die Farbenpracht der einzelnen Blüten schätzten. Und das Bestreben, diese in immer neuen Farben und Formen zu züchten, beherrschte bei ihnen vollständig die Gartenkunst. Diese sonst so nüchternen und ruhig abwägenden Leute wurden bald von einer geradezu leidenschaftlichen Begeisterung für diese schönen türkischen Ziergewächse ergriffen. Schon lange vorher waren sie ja große Blumenfreunde gewesen. Der französische Botaniker Lobel — nach welchem die schönen Lobelien den Namen erhielten — betont in der Vorrede seiner 1576 erschienenen Histoire des plantes die Liebhaberei der Vlämen für die Blumen schon während der Kreuzzüge und zur Zeit der reichen, prunkliebenden burgundischen Herzöge. Als dann die Holländer deren Erbe antraten, brachten sie von ihren ausgedehnten Handelsreisen aus der Levante und beiden Indien verschiedene Blumensorten mit nach Hause und zogen sie mit Erfolg in ihren Gewächshäusern. Lobel urteilt, daß sie besser als irgend eine andere Nation die exotischen Pflanzen zu behandeln wüßten, so daß man in ihren Gärten mehr seltene Gewächse finde als im ganzen übrigen Europa. Leider seien dann durch die Bürgerkriege und den Kampf der protestantisch gewordenen Bewohner gegen das sie bedrückende katholische Haus Habsburg viele der schönsten Gärten zerstört und die Blumenkultur vielfach vernachlässigt worden.

Vorbildlich wirkte später in Holland der 1577 angelegte botanische Garten der Universitätsstadt Leiden, in welchem als erstem in Europa 1599 ein Gewächshaus für ausländische Pflanzen angelegt wurde. Im Jahre 1633 enthielt das Pflanzenverzeichnis des dortigen botanischen Gartens bereits 1104 Arten. Damals beschäftigten sich Magistratspersonen, Gelehrte und wohlhabende Bürger der verschiedensten Berufszweige mit Vorliebe damit, durch Einführung neuer Pflanzen die Botanik und besonders die Blumenzucht zu fördern. Kein Kauffahrteischiff verließ, wie ein damaliger Gelehrter bemerkt, einen holländischen Hafen, dessen Kapitän nicht dazu verpflichtet wurde, von allen Orten, an denen er landete, Samen, Wurzelknollen und, wenn möglich, auch lebende Pflanzen mit nach Holland zu bringen. Die angesehensten Bürger Hollands zeichneten sich besonders durch oft recht kostspielige Bepflanzung ihrer Gärten mit ausländischen Gewächsen aus, und es war ihnen eine Freude, Ableger davon dem botanischen Garten in Leiden zu schenken. Dieser Garten enthielt, als der berühmte Hermann Boerhave (geb. 1668 in Voorhout bei Leiden, seit 1709 Professor der Medizin und Botanik, später auch der Chemie in Leiden bis zu seinem 1738 erfolgten Tode) dort als Lehrer wirkte und alles tat, um ihn zu mehren, bereits 6000 Pflanzenarten. Dieser Gelehrte gab zuerst den Fenstern der Treibhäuser eine schiefe Lage, indem so, wie er sagte, die größte Menge von Sonnenstrahlen Einlaß finden konnte. In diesem für ganz Europa als Vorbild dienenden Garten wurden übrigens zuerst zu Anfang des 18. Jahrhunderts Pelargonien (Geranien) vom Kap der Guten Hoffnung und andere ausländische Zierpflanzen, die bald die Gunst auch der Laien erlangten, eingeführt und zu Zierpflanzen mit größeren Blüten gezüchtet.

Als zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Holland zuerst aus den orientalischen Gartentulpen gefüllte gezogen wurden, brach eine neue Ära in der niederländischen Blumenzucht an. Im Jahre 1629 zählte der Engländer Parkinson bereits 140 Spielarten von Tulpen auf, die dort kultiviert wurden. Bald brach in Holland eine eigentliche Tulpomanie aus, deren Hauptsitz das diese Zierpflanze vor allem züchtende Harlem war und hier in den Jahren 1634–1640 ihren Gipfel erreichte. Diese Tulpenliebhabersucht, die auf einmal in Tulpenzwiebeln das höchste, kostbarste Gut der Erde sah, ergriff Hoch und Niedrig, Arm und Reich. Fabelhafte Preise wurden für neu auftauchende Spielarten bezahlt, so daß ein wahrer Taumel die sonst so kaltblütigen Holländer ergriff. Jedermann spekulierte in Tulpen und ganze Vermögen wechselten ihre Besitzer. Durch die Tulpe Van Eyck wurde ein blutarmer Handelsgehilfe zum mehrfachen Millionär. Eine einzige blühbare Zwiebel der Sorte Semper Augustus brachte dem glücklichen Besitzer 13000 und eine solche von Admiral Erckhuizen 6000 holländische Gulden ein, während eine solche von Admiral Lietkens bis 5000 Gulden eintrug. Eine Zwiebel der Marke Vive le roi wurde gegen 2 Lasten Weizen, 4 Lasten Roggen, 4 fette Ochsen, 8 Ferkel, 12 Schafe, 2 Oxthoft (= 450 Liter) Wein, 4 Tonnen Achtguldenbier, 2 Tonnen Butter, 1000 Pfund Käse, 1 Bündel Kleider und einen goldenen Becher eingetauscht. Im Jahre 1637 wurden nach Hirschfeld laut vorgelegtem Register in der kleinen Stadt Alkmar zugunsten des Waisenstifts 120 Tulpen mit ihren Brutknollen für 9000 Gulden verkauft und ein einziges Exemplar der Sorte „Vizekönig“ trug 4203 Gulden ein. In Anbetracht des damaligen Geldwertes sind das ungeheure Summen; denn zu jener Zeit galt ein Gulden in Holland so viel, daß man damit 1 Bushel (= 36 Liter) Weizen kaufen konnte. Ganze Vermögen wurden in Tulpen angelegt, so daß manche Reiche in ihren Tulpenbeeten mehr als 500 klassifizierte Varietäten besaßen. Erst als die Behörde 1637 ein Gesetz gegen das schwindelhafte Gebaren vieler Tulpenhändler erließ, verlor sich nach und nach dieses Tulpenfieber und wurde die Zucht dieser Zierblume, von der man später über 1000 Spielarten unterschied, in normale, gesunde Bahnen gelenkt.

Unsere Gartentulpen entstammen also mehreren Kreuzungsprodukten, die allerdings nicht näher bekannt sind. Der wichtigste Grundstamm derselben bildet jedenfalls die vorgenannte, in den Steppen Südrußlands und Westasiens heimische Tulipa suaveolens, von der auch direkt mehrere Varietäten, zum Teil mit gefüllten Blüten gezüchtet wurden. Eine der beliebtesten Formen derselben ist die bekannte Duc van Toll. Andere, im Orient wildwachsende Arten gelangten durch Kauffahrer nach Italien und Südfrankreich, wo sie sich teilweise einbürgerten und verwilderten, unter ihnen vor allem Tulipa clusiana, die 1606 von Konstantinopel nach Florenz kam und von hier nach Südfrankreich weitergegeben wurde. Von ihr und von der aus der Türkei eingeführten Tulipa turcica, wie auch von der in Südfrankreich, Italien und Kleinasien gedeihenden Tulipa praecox zog man die verschiedensten Varietäten. Von Tulipa turcica speziell stammen die monströsen Perroquetten oder Papageitulpen mit sehr großen Blumen von schöner gelber und roter Farbe mit weit abstehenden, zerrissenen und gefransten Blumenblättern. Auch die Tulipa greigi aus Turkestan mit bräunlich gefleckten Blättern und purpur- oder scharlachroten, am Grunde schwarzen Blumenblättern ist mehrfach zur Kreuzung herbeigezogen worden. Durch Hybridisation dieser Wildlinge mit den bereits vorhandenen Arten von Gartentulpen und der letzteren wieder unter sich sind seit 1800 die verschiedenen, in der Färbung von Violett- bis Blutrot durch alle Schattierung von Gelb ins Weiße spielenden, ein- oder mehrfarbigen bis gefleckten „Neutulpen“ entstanden. Unter diesen unterscheidet man gegenwärtig als Hauptvarietäten Früh- und Spätsorten. Erstere, die Frühtulpen, mit kürzerem Stengel, blühen an einem warmen Standorte schon im April oder noch früher und lassen sich gut treiben. Unter den Spät- oder Landtulpen — so genannt, weil ihre Zwiebeln kaum je in Töpfe, sondern direkt ins Gartenland gepflanzt werden — unterscheidet man einfarbige oder Muttertulpen (couleurs), buntfarbige oder gebrochene (parangons), und unter diesen wiederum Bizarden mit gelbem und Flamandes mit weißem Blütengrund. Violette Flamandes heißen mit einem holländischen Namen bijbloemen, rote dagegen nach den Franzosen roses. Die gefüllt blühenden Varietäten werden von den Blumisten den einfachen Sorten nachgesetzt und meist zu Teppichbeeten und Gruppen benutzt. Die Kultur der Tulpen stimmt im wesentlichen mit derjenigen der Hyazinthen, die alsbald besprochen werden soll, überein. Die zur Erlangung neuer Spielarten aus Samen gezogenen Tulpen blühen meist erst im 7. Jahre, während die aus Zwiebeln gezogenen dies im 3., ja teilweise schon im 2. Jahre tun.

Südeuropäische Gartenzierpflanzen sind die gelbe Taglilie (Haemerocallis flava) mit reingelber Blumenkrone, wie auch deren Abarten, die H. fulva mit rotgelben und H. alba mit weißen Blüten. Schon Theophrast und Dioskurides nennen sie unter der Bezeichnung hēmerocallís und sagen, daß namentlich ihre Zwiebel arzneilich gebraucht werde. Noch viel mehr war dies im Altertum mit der Meerzwiebel (Scilla maritima) der Fall, die nach diesen beiden Autoren roh und noch häufiger, in Teig oder Lehm gehüllt, auf glühenden Kohlen gebraten oder in Wasser oder Honig gekocht als Medizin gegessen wurde. Außerdem diente sie zur Schärfung des Essigs. Plinius beschreibt in seiner Naturgeschichte ausführlich die Herstellung des Meerzwiebelessigs, der auch als Arznei genossen wurde. Er sagt von ihm: „Er macht die Augen hell, ist bei Magenschmerz und Seitenstechen heilsam, wenn man alle zwei Tage davon einnimmt. Übrigens ist er so stark, daß man von ihm auf kurze Zeit halb ohnmächtig werden kann, wenn man davon trinkt.“ Dieses an den Küsten des Mittelländischen wie auch des Atlantischen Meeres wachsende Zwiebelgewächs wurde schon von den alten Ägyptern arzneilich verwendet und hieß bei ihnen askili, woraus später das arabische askil hervorging, während die Griechen es skílla und die Römer nach ihnen scilla nannten. Im Altertum pflanzte man diese Zwiebelart auf Gräber und hing sie als Amulett vor die Türe, um vor Zauber und namentlich Vergiftung geschützt zu sein. In Arkadien pflegten die Landleute die Bilder des Wald- und Weidegottes Pan bei dessen Festen mit Meerzwiebel zu bewerfen. In welch hohem Ansehen diese Pflanze im Altertume als Arzneimittel stand, beweist auch die Stelle des Plinius, worin gesagt wird: „Unter den Zwiebeln (bulbus) steht die Meerzwiebel (scilla), obgleich sie nur als Heilmittel und zur Schärfung des Essigs dient, in höchstem Ansehen. Sie zeichnet sich durch Größe und scharfen Geschmack aus und wächst vorzugsweise auf den balearischen Inseln, auf Ebusus (der Insel Iviza) und in Spanien. Der Philosoph Pythagoras hat ein Buch über diese Pflanze geschrieben, in welchem er ihre Heilkräfte zusammenstellt.“ Später wurde sie besonders durch die Klöster verbreitet; auch Karl der Große hieß sie in seinen Gärten anpflanzen. Das ganze Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart wurde sie bei uns in Töpfen gezogen, um als geschätztes Heilmittel zu dienen. Es gibt wohl kaum ein besseres Bauernhaus, in welchem sie nicht zu finden wäre. Hier fristet sie mit ihren faust- bis kindskopfgroßen Zwiebeln zwischen den blühenden Geranien und Nelken auf den Gesimsen vor den Fenstern ein beschauliches Dasein. Durch ihre harntreibende Wirkung findet sie besonders bei der Behandlung von Wassersucht Verwendung, während die zerquetschten und dann schleimigen Blätter auf Wunden gelegt werden. Von ihren näheren Verwandten hat einzig die an bewaldeten Orten Süddeutschlands häufige, in Norddeutschland dagegen seltene Scilla bifolia wegen ihrer schönen blauen bis violetten Blüten besonders zur Einfassung von Blumenbeeten in unsern Gärten Eingang gefunden.

Eine weit größere Rolle als diese bescheidene Frühlingsbotin spielt in der modernen Blumenzucht die Gartenhyazinthe (Hyacinthus orientalis), die wie die Tulpe von den Türken aus den Gärten von Bagdad und Aleppo nach Konstantinopel gebracht wurde und von da um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Mitteleuropa gelangte. Die Stammform derselben ist in den Steppen Westasiens heimisch und gelangte schon im Altertum nach Kleinasien und Griechenland, wo sie verwilderte. Bei den alten Griechen bedeutete sie die Blume der Trauer, die ihren Namen nach der Sage von einem schönen spartanischen Jünglinge, dem Sohne des Königs Amyklas von Lakonien, einem Lieblinge Apollons, erhielt, der sich mit ihm gerne in Wettkämpfe einließ. Zephyros (der Westwind) gönnte dem jungen Manne nicht die Gunst des Gottes, die er vielmehr gerne besessen hätte, und beim Diskuswerfen lenkte er die schwere Scheibe aus Erz so, daß sie den Kopf des Hyakinthos traf und ihn tötete. Darüber war Apollon sehr betrübt. Wohl verstand er sich auf die Heilkunst, aber über den Tod war ihm keine Macht gegeben. Um wenigstens das Andenken an seinen Liebling der Nachwelt zu erhalten, ließ er aus dessen Blut die würzig duftende Hyazinthe erstehen, deren dunkelblaue Farbe Trauer bedeutet. Später war die hyákinthos auch der Demeter ein Zeichen der Klage und der Trauer um ihre vom Gotte der Unterwelt geraubte Tochter Proserpina. Doch wird sie bei den alten Schriftstellern kaum je genannt. Der Grieche Pollux erwähnt sie einmal in seinem Onomastikon als eine zu Kränzen verwendete Blume, mit der sich vornehmlich junge Mädchen als Zeichen der Trauer beim Verluste ihrer Gespielin bei deren Hochzeit schmückten. Und der Römer Columella nennt die hyacinthus als die Blaue, in der Farbe des Himmels Leuchtende, von der er auch eine weiße Abart als die schneeige (niveus) erwähnt. Jedenfalls wurde sie im Altertum nur ausnahmsweise als Gartenpflanze, höchstens etwa auf Gräbern wegen des ihr anhaftenden Beigeschmacks der Trauer, kultiviert. Dem Morgenlande verdanken wir ihre Zucht. Von den Arabern erhielten sie die Türken, die sie gerne in ihren Gärten anpflanzten. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte sie aus Konstantinopel nach dem Abendlande, wo sie noch weiter veredelt wurde und die violenblaue Farbe der Blumenblätter in Purpur, Karmin, Rosa, Dunkelblau bis fast Schwarz, ferner in Weiß, Gelb und selbst Orange verwandelte. In Holland, wo sie besondere Pflege gefunden hatte, verdrängte sie sogar mit der Zeit ihre Schwester, die vormals so vergötterte Tulpe. Besonders in Harlem wurde sie im großen gezogen und aus ihr durch immer weitergeführte Kreuzung neue Spielarten geschaffen, die für teures Geld ihren Besitzer wechselten. Außer einfachen erzielte man auch zwei- und dreifach gefüllte Hyazinthen von großartiger Pracht. Sie galten für wenigstens so wertvoll als die schönen und seltenen Tulpensorten, und wenn eine neu auftauchende Varietät ihren Namen erhalten sollte, gab es ein feierliches Tauffest, zu dem außer den Verwandten und Nachbarn auch die Bewohner der Umgegend eingeladen wurden und bei dem es hoch herging. Man konnte sich solches leisten; denn trotz der hohen Spesen war das Geschäft infolge der sehr hohen für neue Arten bezahlten Preise sehr einträglich.

Die erste Konkurrenz erwuchs der holländischen Hyazinthenkultur in Berlin, dessen Sandboden diese Zucht in hohem Maße begünstigte. Der aus Frankreich eingewanderte Kunstgärtner David veranstaltete hier 1740 die erste bedeutendere Tulpenausstellung und brachte dadurch diese Blume in der Hauptstadt Preußens in Mode. Die in der napoleonischen Zeit über Mitteleuropa hereinbrechenden kriegerischen und politischen Ereignisse lenkten aber die Aufmerksamkeit des Publikums wieder davon ab, doch erwachte sie nach den Freiheitskriegen von neuem. Die Nachkommen Davids, seine Söhne Peter und David, unterhielten in der Kommandantenstraße in Berlin prächtige Hyazinthenkulturen, die zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Berlins gehörten. Den Höhepunkt erreichte hier die Hyazinthenzucht im Jahre 1830. Vor dem Schlesischen Tor breitete sich ein 24 Morgen umfassendes Blumenparadies aus, in welchem unter anderen Zwiebelgewächsen 4½ Millionen Hyazinthen gezogen wurden. Ungezählte Scharen Neugieriger kamen zur Zeit der Blüte herbei, um dieses wirklich sehenswerte Farbenwunder zu bestaunen.

Bis zum Jahre 1860 war sonst die Kultur der für den Handel gezogenen Tulpen- und Hyazinthenzwiebeln fast ganz auf das Gebiet von Harlem in Holland konzentriert. Hier wachsen diese schönen, genügsamen Kinder der westasiatischen Steppe vorzüglich im Sandboden unmittelbar hinter den Dünen. Jeder Gärtner spezialisiert sich begreiflicherweise für eine gewisse Zahl von Typen, wodurch eine große Regelmäßigkeit in der Produktion der Zwiebeln gewährleistet wird. Unbestritten werden vor allem die Hyazinthen aus Harlem bezogen, wo man über 300 Spielarten derselben züchtet. Man zählt gegenwärtig in Holland mehr als 2000 Blumenzwiebelzüchter und etwa 150 Exporthäuser, die diese als Winterflor in Töpfen oder als erste Bepflanzung der Gartenbeete sehr geschätzte Handelsware nach allen Weltteilen versenden. Jedes Frühjahr gibt es öffentliche Versteigerungen in den Hyazinthen- und Tulpenfeldern selbst. Außerdem wird wöchentlich einmal eine Spezialbörse dafür in Harlem abgehalten. Die Blumenzwiebelkulturen nehmen eine Oberfläche von etwa 3500 Hektaren ein und der Wert der während der Saison exportierten Blumenzwiebeln erreicht 16 Millionen Mark, was einem Bruttoertrag von beinahe 4800 Mark pro Hektar der Kultur entspricht. 40 Prozent des Produkts wandern nach England; Deutschland und Österreich nehmen 25 Prozent, die Vereinigten Staaten 18, die Nordländer, vor allem Dänemark, Schweden und Norwegen 9, Frankreich und die übrigen latinischen Länder kaum 5 Prozent davon.

Die Vermehrung der holländischen Blumenzwiebeln, also der Hyazinthen und Tulpen, erfolgt auf ungeschlechtlichem Wege durch Pflanzen der Brutzwiebeln, von denen erstere mehrere, letztere dagegen meist nur eine produzieren. Die Vermehrung durch Samen erfolgt, weil sehr langsam vor sich gehend, nur, um die alten Varietäten zu regenerieren oder neue zu erzielen. Während eine unverletzte Hyazinthenzwiebel nur eine kleine Zahl Brutzwiebeln — zwischen 1–6 oder höchstens 8, oft aber auch gar keine — bildet, liefert eine verletzte um die Verletzungsstellen herum deren zahlreiche. Deshalb macht man zur Vermehrung der Blumenzwiebeln gewöhnlich vier Schnitte durch den untern Teil derselben oder höhlt ihn aus. Letzteres Verfahren liefert nämlich weitaus am meisten Brutzwiebeln, während man vermittelst des Kreuzschnittes durch den Zwiebelboden weniger, dafür aber, weil sie besser ernährt werden, größere erhält, die sich rascher entwickeln und schneller zum Blühen gelangen, nämlich meist schon ein Jahr nach der Verletzung der Mutterzwiebel. Diese Operation wird meist im Juni vorgenommen, wenn die Zwiebeln, die im Frühling blühten, aus dem Boden herausgenommen werden, um erst wieder im Herbst ausgepflanzt zu werden. Früher trocknete man sie einfach an der Sonne; jetzt aber setzt man sie nach dem Einschneiden ihres Bodens der Luft aus, nachdem man sie mit Asche oder Kalk bestäubt hat, wodurch die Wunden alsbald heilen. Sie werden an einem luftigen Orte aufbewahrt und bilden an den Schnittstellen bis zu 40 Brutzwiebeln. Im Oktober oder November pflanzt man die Zwiebeln mit den Brutzwiebeln wie die gewöhnlichen Hyazinthenzwiebeln in Erde, die das Jahr vorher mit Kuhmist gedüngt wurde. Viele dieser Brutzwiebeln bilden im folgenden Jahre Blätter. Im Juni werden sie mit den Mutterzwiebeln dem Boden entnommen, von letzteren abgelöst und von der anhaftenden Erde gereinigt, getrocknet und an einem luftigen Orte aufbewahrt. Im Oktober werden sie wieder wie gewöhnliche Zwiebeln gepflanzt. Erst nach dem dritten Pflanzen erreichen sie eine genügende Größe, um im folgenden Jahre blühen zu können. Als solche kommen sie dann zum Verkauf.