Zwei Zypressen inmitten von mit Mauern umgebenen Olivenhainen bei Rovigno in Istrien.

Hain von Steineichen, bekannt als „Bosco sacro“, in der römischen Campagna.

Tafel 154.

Pyramidenpappeln als Zierbäume vor der Villa Stuck in München.

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GRÖSSERES BILD]

Wie die Phönikier haben auch die alten Griechen ihre Schiffe vorzugsweise aus dem unverwüstlichen Cypressenholz gebaut, wie Plato sagt: „Es ist ein rechtes Glück, wenn ein Staat weder Cypressen, noch anderes zum Schiffsbau taugliches Holz hat, weil die Schiffahrt keinen Segen bringt.“ Und der griechische Geschichtschreiber Diodor berichtet vom König Antigonos, dem „Einäugigen“, dem Feldherrn Alexanders des Großen (384–301 v. Chr., erhielt 323 bei der Teilung von dessen Reich Großphrygien, Lykien und Pamphylien, führte aus Ehrgeiz und Eroberungslust viele Kriege gegen die übrigen Diadochen, in denen er Kleinasien und Syrien eroberte, nahm 306 mit seinem Sohn Demetrios Poliorketes, d. h. dem „Städtebelagerer“, den Königstitel an und verlor in der Schlacht bei Ipsos in Phrygien gegen Kassandros, Lysimachos und Seleukos Reich und Leben), er habe zur Bekämpfung seiner über große Flotten gebietenden Gegner, den einstigen Mitfeldherrn Alexanders, 8000 Mann mit dem Fällen von Cedern, Pinien und Cypressen auf dem Libanon beschäftigt. Tausend Paar Lasttiere sollen das Holz zur Küste getragen haben, wo von werkkundigen Zimmerleuten Schiffe daraus gebaut wurden. Auch Gedenktafeln und Särge wurden mit Vorliebe aus dem dauerhaften Cypressenholz verfertigt. So sagt Plato, daß die Landlose der Bürger in den Tempeln auf cypressenen Gedenktafeln für die Nachwelt verzeichnet werden sollten, und schreibt der griechische Geschichtschreiber Thukydides. „Bei den Athenern ist es Sitte, die Gebeine der in einer Schlacht Gefallenen erst öffentlich zur Schau zu stellen und sie dann in Särgen zu begraben, die aus Cypressenholz gemacht sind.“ Nach demselben Autor umschlossen cypressene Schreine, je einer für eine Phyle (Stamm, d. h. durch Abstammung von einem Stammvater verbundenen Teil eines Volkes, deren es seit Kleisthenes, dem Haupt der Alkmäoniden, 510 v. Chr., 10 gab, welche wiederum in Demen eingeteilt waren), die in die Erde zu bergenden Gebeine bei jener 430 zu Athen gefeierten öffentlichen Bestattung der für das Vaterland Gefallenen zu Beginn des peloponnesischen Krieges, bei welcher Perikles, der schon das Jahr darauf von der Pest hinweggerafft wurde, seine berühmte Rede zur Verherrlichung Athens hielt. Und was vor dem Zerstörtwerden durch Insekten und deren Larven beschützt werden sollte, das wurde bei den Griechen, wie auch später bei den Römern in cypressene Kästchen eingeschlossen, so bei Horaz die Manuskripte der von ihm gedichteten Lieder.

Wo immer der Kult der phönikischen Astarte Eingang fand, da wurden Cypressenhaine vor deren Heiligtümern errichtet. So kam die Cypresse durch die Vermittlung der süditalischen Griechen zu den Römern. Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte über sie: „Die Cypresse ist ein ausländischer Baum, der anfangs nur mit großer Mühe gezogen wurde.“ Cato, der sie die Tarentinische nennt, weil sie von dorther in das römische Gebiet gekommen ist, spricht über sie weitläufiger als über alle andern Bäume. Ihr Vaterland ist Kreta. Dort entsteht überall, wo jemand den Boden auflockert, durch Naturkraft ein Cypressenwald. (Ihre kleinen Samen haben auf jeder Seite einen als Fallschirm dienenden häutigen Rand, womit sie leicht vom Winde in die Weite getragen und so in der Ferne angesät werden.) Auf den Gebirgen Kretas, dem Ida und den Weißen Bergen, wächst sie auch da, wo der Boden nicht bearbeitet ist, neben dem ewigen Schnee, was allerdings wunderbar ist, da sie viel Wärme verlangt und in bezug auf den Boden sehr spröde tut. Sie wächst sehr langsam, gewährt nicht den geringsten Nutzen (nämlich an Früchten), hat widerliche (d. h. nicht wohlschmeckende) Früchte, bittere Blätter, einen betäubenden Geruch, keinen angenehmen Schatten (weil er infolge der Höhe des Baumes nur schmal ist), lockeres Holz. Die Cypresse ist dem Gott Dis (Gott der Unterwelt) geweiht und wird deshalb (in Gestalt von in Kübeln gepflanzten Exemplaren) an die Türe der Häuser gestellt, in welchen sich ein Sterbefall ereignet hat. Ihr säulenförmiger Wuchs empfiehlt sie zur Abwechslung mit Pinienalleen; jetzt beschneidet man sie auch so, daß sie mauerdichte Zäune gibt, auch bringt man sie durch Beschneiden dahin, daß sie Jagden, Flotten und andere Bilder vorstellt, welche mit ihren zarten, kurzen, immergrünen Blättern bekleidet sind.

Es gibt zwei Arten von Cypressen: Die eine, die man die weibliche nennt, wächst dicht und säulenförmig (es ist dies die zu Eingang erwähnte var. pyramidalis von Cupressus sempervirens), die andere heißt die männliche und breitet ihre Äste seitwärts aus (var. horizontalis), sie wird beschnitten und dient auch als Stütze für Weinstöcke. Beiden Arten schneidet man auch die Seitenäste weg und zieht sie auf diese Weise zu Stangen und Pfählen, welche, wenn der Stamm 13jährig ist, Stück für Stück einen Denar (= 60 Pfennige) kosten. Es geht daraus hervor, daß ein solcher Cypressenwald sehr einträglich ist; daher nannten die Alten solche Pflanzungen die „Aussteuer ihrer Töchter“. Noch heutigen Tags heißt übrigens die Cypresse nach Fee wegen dieses Brauches auf Kreta „Aussteuer der Tochter“ und wird in größerer Anzahl bei der Geburt eines Kindes gepflanzt, wie man in Frankreich bei solchem Anlasse einige hundert Pappeln pflanzt und sie zu dessen Gunsten verkauft, wenn es erwachsen ist, oder in der Südsee einige Brotfruchtbäume setzt, die das alleinige Eigentum des neuen Familienmitgliedes bilden. Auch bei uns pflanzt mancher Bauer jedem seiner Kinder bei deren Geburt einen oder einige Obstbäume, deren Ertrag ausschließlich dem betreffenden Individuum gehört.