Alle Sorten von Kakteen dienen dem Vieh als Futter. Auf den großen Hazienden des nordwestlichen Mexiko wäre auf dem grasarmen Boden die als einzig lohnender Zweig der Landwirtschaft betriebene Viehzucht nicht möglich, wenn die Kakteen nicht wären, die die Rinder, Pferde und Maultiere geradezu am Leben erhalten. Und auch getrocknet dienen die Stämme als Nutz- und Brennholz, das nicht nur gegen alle Witterungseinflüsse unempfindlich, sondern auch so überaus leicht ist, daß ein Maultier die zehnfache Menge desselben an Stelle gewöhnlichen Holzes tragen kann.
Endlich hat einst zur Blütezeit der Cochenillezucht eine bestimmte Art derselben, die Nopalea coccinellifera in Mexiko, dem Dorado aller Kakteen, und in der Folge auch in anderen Tropenländern, wo diese lukrative Industrie eingeführt wurde, als Nährpflanze der Cochenilleschildlaus eine große wirtschaftliche Bedeutung gehabt; gehört doch das aus jenen Läusen gewonnene Karmin auch heute noch zu den edelsten Farbstoffen. Dadurch aber, daß die billigen Anilinfarben mit ihm in Konkurrenz traten, wurde der Cochenillekarmin als nicht mehr konkurrenzfähig in den Hintergrund gedrängt.
Da doch die verschiedenen Kakteen für alle wasserarmen und daher für eine andere Vegetation als diese ungeeigneten Gegenden so überaus wertvoll sind, ist es sehr zu verwundern, daß man sie nicht eigentlich durch systematische Züchtung zu verbessern suchte. Den ersten vielverheißenden Anfang dazu hat neuerdings der berühmte Pflanzenzüchter Luther Burbank in Santa Rosa in Kalifornien gemacht, dem es gelang, eine stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie zu züchten, die sich außerordentlich einfach, durch Stecken eines Stückchens des fleischigen Stengels in den Boden, fortpflanzen läßt und außerdem ebenfalls stachellose, sehr wohlschmeckende und nahrhafte, feigengroße, rötliche Früchte zeitigt. Ein solches Zuchtprodukt ist für die Menschheit von unschätzbarem Wert, da es ihr auch die sterilsten Wüsten zu besiedeln gestattet. Erst mit einer solchen Nutzpflanze, die auch ohne Bewässerung gedeiht, kann sie sich mit ihren Haustieren in den ihr bisher verschlossenen Gebieten festsetzen und so weite Länderstrecken der Kultur erschließen, die bisher lebenfeindliche Öde und Wildnis waren. Durch solche Neuerungen ist der Menschheit, mag sie sich noch so sehr vermehren, auf unübersehbare Zeiten hinaus Raum genug zur Ausdehnung auf unserem Planeten gegeben. Welch herrliche Gärten werden dann die unendlichen, bisher toten Wüsten der Erde sein, wenn der Mensch auch die Sonnenwärme sich als Energiequelle dienstbar gemacht und überall durch Staubecken oder Pumpen Wasser zu seinen leiblichen und industriellen Bedürfnissen, wie auch zum Tränken seiner Haustiere und Nutzpflanzen, die desselben zu ihrer Existenz bedürfen, zur Verfügung haben wird!
Außer den Kakteen gibt es noch viele andere wenig bekannte Wüstenpflanzen, die schon heute in ihrer unveredelten, wilden Form dem Menschen von teilweise recht großem Nutzen sind. Es seien hier nur einige der wichtigsten kurz angeführt. So wächst im Gebiet der Kakteen, speziell auch in Mexiko, die noch auf trockenem, sandigem Boden gedeihende Yucca baccata, von den Spaniern bayonett genannt. Sie liefert alle Jahre 1–6 Früchte, die in reifem Zustande in Form und Größe Bananen ähneln. Deren Farbe ist grünlichgelb und das Fruchtfleisch, in welchem große, schwarze Samen eingebettet sind, ist süß und schmackhaft. Ihre unreifen Früchte werden wie Kartoffeln in der Asche geröstet. Die kurz vor dem Aufbrechen gepflückten Blütenknospen werden ebenfalls geröstet und in diesem Zustande als Leckerbissen betrachtet. Aus den Blättern wird ein grober, aber sehr dauerhafter Faserstoff gewonnen.
Von dem Werte der auf dürrem, vulkanischem Boden Mexikos, Arizonas und Südkaliforniens wachsenden Agaven, die von den Mexikanern im großen kultiviert werden, ist an anderer Stelle bereits die Rede gewesen. An ihnen ist mancherlei nutzbar. Die Wurzeln werden geröstet genossen. In Wasser gekocht gibt die frisch geschnittene, kopfgroße Blütenstengelknospe einen guten Sirup und ein sehr angenehmes Gericht. Meist wird sie aber vor dem Ausbrechen vertieft abgeschnitten und der sich reichlich in die Höhlung ergießende Zuckersaft gesammelt, um durch Vergärung eine Art Wein, den Pulque, das Nationalgetränk der Mexikaner, daraus zu gewinnen.
In den westlichen Steppen Nordamerikas wächst die Kama (Camassia esculenta), deren walnußgroße Zwiebelknollen von den Indianern sehr geschätzt sind, da sie wie Kartoffeln, nur süßer schmecken. Ihr Zuckergehalt muß ein beträchtlicher sein, da sie zerstampft und in Wasser gekocht einen guten Sirup liefern. Noch vor kaum mehr als einem Menschenalter hat diese bevorzugte Speise der Indianer im Staate Idaho zu einem blutigen Kriege, dem berüchtigten Kamakriege, geführt. Das Vieh der Ansiedler vernichtete diese Pflanze, welche sie, die Indianer, für ihren Lebensunterhalt nicht entbehren könnten. So lautete wenigstens die Begründung der Kriegserklärung gegen die Weißen. Aber auch die Blaßgesichter essen die Kamawurzel gern; denn nicht wenige Farmer lassen zur Erntezeit dieser Knollen im Juni und Juli von ihren Kindern Vorräte für die Küche sammeln.
Sehr geschätzt in den Wüsten um den Salzsee von Utah sind die walnußgroßen, äußerst schmackhaften Wurzelknollen der als wilder Sago bezeichneten Liliazee Calochortus luteus, die von den Indianern eifrig ausgegraben und gesammelt werden. Deren Kinder schätzen sie um des süßlichen Geschmackes willen wie Zuckerzeug. Als die Mormonen, die sich selbst „Heilige des Jüngsten Tages“ nennen, von ihren „heidnischen“ Nachbarn im Staate Illinois fortwährend befehdet, 1847 nach Westen über das Felsengebirge auswanderten, um sich in dem später als Utah in die Union aufgenommenen Territorium am großen Salzsee eine neue Heimat zu gründen, die sie der Wüste abringen mußten, da bildeten diese Wurzeln im ersten Jahre ihres dortigen Aufenthaltes einen sehr wichtigen Bestandteil ihrer Nahrung. Was das Manna der Wüste den nach dem Lande Kanaan ziehenden Juden war, das wurde der wilde Sago den unter dem Präsidenten Brigham Young (1801–1877) das Land der Verheißung suchenden Mormonen.
Eine andere ausdauernde Lilienart, die in Nordamerika und Texas weite Strecken steiniger, unfruchtbarer Hügelhänge hauptsächlich in Erhebungen von 150–200 m mit ihren hellgrünen, 0,9–1,2 m langen, schmalen Blättern bedeckt, ist der Sotol (Dasylirion texanum). Alle 3–4 Jahre treibt er einen saftigen, zuckerreichen, starken Blütenstengel bis zu 3 m Höhe empor. Dieser ist das für den Menschen Wertvollste an der Pflanze, da er vorzugsweise zu Schaffutter, aber auch zur Nahrung des Menschen dient. Der Schäfer, der seine Herde auf eine Sotolweide führt, geht ihr mit dem langen Haumesser, machete genannt, voraus und spaltet die Stengelköpfe, deren weiches, saftiges Mark von den Schafen gerne gefressen wird. Nach einiger Vertrautheit mit diesem Futter wissen sich die Schafe selber zu helfen; sie warten die Vorbereitung ihres Hirten nicht ab, sondern zerreißen selbst die Blätter des Sotol und dringen nagend in den Stengelkopf ein. Dieses Futter ist nahrhaft und zugleich durstlöschend, so daß es überflüssig wird, die Schafe, die sich von diesem Futter ernähren, zur Tränke zu führen. Während der heißen Monate wird der Sotol in seinem Verbreitungsgebiet als das wertvollste Schaffutter betrachtet. Jedenfalls würde ohne sein Vorhandensein die Ernährung des gegenwärtigen bedeutenden Schafbestandes in jenen sonst so dürren und pflanzenarmen Gegenden nicht möglich sein.