Schottischer Schäferhund in Deutschsüdwestafrika.
(Nach einer Photographie im Besitz der deutschen Kolonialschule in Witzenhausen.)
Wie heute noch allgemein im Orient besorgte dieser Pariahund hier schon in der Urzeit neben den Hausschweinen die Straßenreinigung. In altbabylonischen Texten wird er als kalbu siguu, d. h. umherschweifender Hund bezeichnet, der manchenorts den Schafherden lästig wurde, weil er sich zur Stillung seines übermächtigen Hungers an die jungen Schafe heranmachte. Da er sich für gewöhnlich von Aas ernährte, mied man ihn so viel als möglich als unheimliches Geistwesen und schützte sich vor seinem, wie man glaubte, krankmachendem Einflusse durch das Tragen von Amuletten, die, wie die Labartu, selbst hundeköpfig, sonst menschenähnlich, an der einen Brust ein Schwein, an der andern einen Hund, oder wie die Daua an beiden Brüsten Hunde säugend dargestellt wurden. Vielfach hing man sich auch Hundenachahmungen um. Alle Krankheitsdämonen wurden hundegestaltig dargestellt. So begreifen wir, wie bei den Semiten und durch sie bei allen Völkern des Morgenlandes der Hund eine verachtete Stellung einnahm, auch dann, als höher gezüchtete Formen desselben eingeführt wurden.
Wie die west- und südasiatischen Pariahunde, deren südlichster Zweig als Dingo schon in frühvorgeschichtlicher Zeit mit den dem altdravidischen Volkselemente Südasiens nahe verwandten Australiern in Australien einwanderte und hier in der Folge wiederum gänzlich verwilderte, vom ebenfalls in rostroter Färbung vorkommenden indischen Schakal abstammen, ist dies auch bei den meisten nord- und mittelafrikanischen Pariahunden der Fall. Dagegen leben im Nilgebiet und weiter westlich in Nordafrika Formen, die im Schädelbau stark von jenen abweichen und offenbar vom nubischen Schakalwolf (Canis anthus) abstammen. Der breite Kopf mit großen, aufrechtstehenden Ohren, der selbst im weiblichen Geschlecht stark entwickelte Scheitelkamm, die aufgetriebene, breite Stirn und der derbe, kräftige Schnauzenteil stimmen vollkommen mit diesem überein. Auch physiologische Gründe sprechen für diese Ableitung, so vor allem die Gewohnheit beider, im Boden Löcher zu graben und Aas hervorzuscharren. Bei den südafrikanischen Pariahunden dagegen scheint der dort einheimische Schabrackenschakal (Canis mesomelas) der eigentliche Stammvater zu sein.
Wie die kleineren, spitzartigen Haushunde vom Schakal, so stammen alle größeren vom Wolf in seinen verschiedenen Abarten ab. Der älteste dieser Wolfsabkömmlinge ist der in spätneolithischer Zeit in Mitteleuropa auftretende Canis familiaris inostranzewi, von Anutschin nach Inostranzew so genannt, der die Überreste desselben zusammen mit denjenigen des Torfhunds in Kulturschichten der jüngeren Steinzeit Rußlands am Ladogasee zuerst entdeckte. Später wurde er dann auch in Pfahlbauten des Neuenburger- (Font) und Bielersees (an der Schüß) mit einigen Kupfergegenständen gefunden. Dieser an Größe einem mittleren Fleischerhunde entsprechende Hund besaß einen durchaus wolfähnlichen Schädel von 17,7 cm Länge und näherte sich sehr dem in Nordrußland und Sibirien verbreiteten, bereits besprochenen Eskimohund, von dem wir konstatierten, daß er eine starke Blutmischung mit dem nordischen Wolfe aufweise. Gegenüber dem Schädel des Torfhundes erscheint der seinige langgestreckt, niedrig, mit stark entwickelter Scheitelleiste und überhaupt ausgeprägten Muskelansätzen. Von der breiten Stirne setzt sich der lang ausgezogene, vorn sich verjüngende Gesichtsteil deutlich ab.
Durch die Kreuzung dieses wolfähnlichen Hundes mit dem Pfahlbauspitz von Schakalabstammung entstand der Aschenhund, so genannt, weil seine Überreste vom Archäologen Grafen von Wurmbrand zuerst in Aschenschichten bei Weikersdorf in Niederösterreich gefunden wurden. Woldrich beschrieb sie im Jahre 1877 und nannte das Tier Canis familiaris intermedius. Weitere Überreste desselben fanden sich in Pulka und Ploscha in Böhmen. Mit einer Basilarlänge von 16,4 cm steht sein Schädel in der Mitte zwischen dem größeren wolfartigen Hund der Bronzezeit und dem kleineren Torfhund und war durch die bedeutende Stirnbreite und die Kürze der Schnauze ausgezeichnet.
Von diesem eigentlichen Jagdhund der Bronzezeit, der uns in einer bereits hängeohrigen, also hochgezüchteten Form auf einer Platte mit Tierdarstellungen von Hierokanopolis in Ägypten aus vorpharaonischer Zeit Antilopen und Steinböcke jagend entgegentritt, stammen die Laufhunde sowie die Vorstehhunde mit ihren verschiedenen Unterrassen ab. Und zwar schließt sich nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Theodor Studer in Bern der Schädel des schweizerischen Laufhundes in seiner Gestalt direkt an denjenigen des Aschenhundes an, dessen wesentliche Merkmale er bis in alle Details wiederholt, nur ist die Schädelhöhle bei ihm bedeutend geräumiger geworden, als Zeichen, daß er inzwischen bedeutend an Intelligenz zugenommen hat. Die Schädellängen schwanken zwischen 16,2 und 18,4 cm. Die größte Ähnlichkeit mit demjenigen des Canis intermedius zeigt der Schädel eines Laufhundes aus der helvetischen Station La Tène am Neuenburger See aus vorrömischer Zeit. Er stammt aus Kulturschichten, die neben zahlreichen eisernen Waffen und Geräten nebst bronzenen Schmuckgegenständen und Utensilien zahlreiche Knochen von Haustieren, wie Pferden, Rindern und Schweinen, lieferten. Schon bei ihm ist die Schädelkapsel etwas geräumiger, die Schläfenenge weniger eingeschnürt und die Stirne breiter und seitlich mehr gewölbt als beim Aschenhund, ein Prozeß, der sich im Laufe der Zeit noch steigerte bis zu den heutigen Laufhunden.
Schon in der Ilias ist vom Laufhund die Rede, der den Hirsch oder die Hirschkuh und deren Junges durch Täler und Schluchten verfolgt. Ein solcher Laufhund war der treue Argos, der einst zur Jagd auf wilde Ziegen, Rehe und Hasen gedient und das Aufspüren des Wildes trefflich verstanden hatte; kein Wild sei ihm je entkommen, wird in der Ilias von ihm gesagt. In der Folge hielten ihn die Griechen und Römer, aber auch die Völker nördlich der Alpen. So waren zur Zeit des Julius Cäsar die Gallier durch ihre Laufhunde berühmt, die sich vortrefflich zum Aufspüren und Verfolgen der Beute bei der Jagd bewährten. Bei ihnen waren besonders die nach dem gallischen Stamme der Segusier zwischen Saône, Rhone und Allier von den Römern als segusii bezeichneten Hunde hoch geschätzt. Nach den Schilderungen der alten Schriftsteller Ovid, Plinius und Gratius waren es rauhhaarige Tiere, die nicht nur bei den Römern, sondern nach dem Berichte von Flavius Arrianus im Jahre 130 n. Chr. auch in Griechenland Aufnahme fanden. Noch bis in das 6. und 7. Jahrhundert werden sie als segusii angeführt, später aber erhielten sie nach ihrer hauptsächlichen Züchtung in der französischen Landschaft Bresse die Bezeichnung chiens de Bresse. Doch waren neben ihnen schon in römischer Zeit glatthaarige Laufhunde sehr verbreitet, wie uns verschiedene antike Darstellungen zeigen. Daß bei den Galliern verschiedene Rassen von Laufhunden vorkamen, beweist ein im Jahre 1735 in den Ruinen des alten Aventicum (Avenches), der Hauptstadt des römischen Helvetien, aufgefundenes Mosaik, das leider in den Stürmen der Revolutionszeit 1798 zugrunde ging; doch besitzt das historische Museum in Bern die 1794 in Farben ausgeführte Originalkopie von Ingenieur Ritter, der im Auftrage der Berner Regierung damals die in Avenches zutage geförderten Altertümer untersuchte und kopierte. Wir sehen darauf, wie der wahrscheinlich helvetische Besitzer seine geliebten Jagdhunde und sein bevorzugtes Wild neben einer durchaus nicht dazu passenden Darstellung des auf dem Pegasus reitenden Perseus, Tubabläsern, Bären und Delphinen wiedergeben ließ. Zu oberst springt ein glatthaariger, langgestreckter Hund von graugelblicher Färbung, in dem wir unschwer einen Hirschhund erkennen, einer Hirschkuh nach. Darunter verfolgt ein großer Laufhund, weiß mit braunen Platten mit hoher, stumpfer Schnauze — M. Siber vergleicht ihn mit dem dreifarbigen Berner Laufhund —, ein nicht mehr erhaltenes Wild. Im dritten Feld verfolgt ein schwerer, breitköpfiger und untersetzter Jagdhund einen Eber, im vierten läuft ein kleiner, gefleckter Jagdhund, in welchem M. Siber den Hasenhund par excellence, den gewöhnlichen weiß und gelben Schweizer Laufhund sieht, einem Hasen nach. Also muß schon im 1. Jahrhundert n. Chr. der von uns als Laufhund bezeichnete eigentliche Jagdhund bei den Helvetiern in einer ganzen Anzahl dem verschiedenen Wilde, das er verfolgen sollte, angepaßte Rassen zerfallen gewesen sein.