GRÖSSERES BILD

Tafel 14.

Wisent aus dem Kaukasus im Zoologischen Garten von Berlin.

Amerikanischer Bison im Zoologischen Garten von Berlin.
(Beide nach einer Photographie der Neuen photogr. Gesellschaft in Steglitz.)

Im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt dann der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Germanien ist durch das Vorhandensein von zwei Arten wilder Rinder merkwürdig, nämlich durch den mit einer Mähne geschmückten Bison (Wisent) und den Ur, der sich durch Kraft und Schnelligkeit auszeichnet.“ Tacitus weiß in seinen Annalen von einem römischen Steuerbeamten zu berichten, der die Friesen dadurch zum Aufstand trieb, daß er ihnen für die Entrichtung ihres in Ochsenfellen bestehenden Tributs Urfelle als Muster vorschrieb. Solche in größerer Menge zu beschaffen mochte ihnen schwer fallen. Wie Plinius spricht auch das Nibelungenlied von zwei in Germanien hausenden Wildrindern, dem Wisent und dem Ur. Letzterer wurde noch im 10. Jahrhundert in der Umgebung des Klosters St. Gallen gejagt und sein Fleisch an der Klostertafel nebst dem des Bibers und anderer dort heute längst ausgerotteter Tiere verspeist, wie wir den Benediktionen oder Tischgebeten des dort lebenden und 973 verstorbenen Mönches Ekkehard I. entnehmen können. Nach Alfred Nehring wurde in Bromberg ein aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammender Urstierschädel aufgefunden, der auf der Stirne noch Spuren von drei Lanzenstichen aufweist, als Beweis dafür, daß er um jene Zeit dort noch gejagt wurde. Noch ums Jahr 1550 erhielt der österreichische Gesandte und Freiherr von Heberstain auf einer diplomatischen Reise nach dem Königreiche Polen in Masovien vom König Sigismund August von Polen einen dort getöteten Ur als Geschenk. Das Tier war damals freilich nicht mehr zahlreich, sondern auf einen kleinen Bestand in Masovien zusammengeschmolzen. Später erhielt der Züricher Zoologe Konrad Geßner von einem seiner Schüler, Schneeberger, und von Johann Bonar zuverlässige Nachrichten über den in Polen lebenden und dort Thur genannten Ur und berichtete darüber 1560. Zuletzt hat August Wrzesniowski in einer 1878 in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie veröffentlichten Arbeit an Hand der polnischen Quellen nachgewiesen, daß schon im 13. Jahrhundert die Jagd auf den „Thur“ ein ausschließliches Vorrecht der Herzoge von Masovien war, er bereits im 16. Jahrhundert selten zu werden begann und nur noch in den Forsten von Jaktorowka (etwa 55 km westlich von Warschau) vorkam. Hier wurde er zuletzt, wie heute der Wisent im urwaldähnlichen Riesenforste von Bjelowjesha im russisch-litauischen Bezirke Grodno, förmlich gehegt und über die noch vorhandenen Exemplare Buch geführt. 1564 zählte man nur noch 30 und 1599 24 Stück. 1602 ging der Bestand auf 4 Thure zurück und 1627 starb die letzte Urkuh.

Bild 10. Zeichnung eines Urstiers aus der Höhle von Combarelles. Breite der Originalzeichnung 90 cm.
(Nach Capitan und Breuil.)

Außer verschiedenem Skelettmaterial aus Torfmooren — so einem nahezu vollständigen Skelett, das 1887 am Schwielochsee im Kreise Lübben in der Niederlausitz aufgefunden wurde und sich jetzt im Museum der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin befindet — besitzen wir auch noch leidliche Bilder von diesem gewaltigen Wildrinde Europas. Heberstain, der letzte Zeuge, der den Ur noch sah, ließ eine Abbildung herstellen, die durch Konrad Geßner in weiteren Kreisen bekannt wurde. Daneben existiert noch ein vom Engländer Hamilton Smith bei einem Augsburger Kunst- und Antiquitätenhändler entdecktes Urstierbild, das im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts in Öl auf Holz gemalt wurde, 1827 in Griffiths „Animal Kingdom“ zur Veröffentlichung gelangte und seither im Original verschollen ist. Eine weit bessere Darstellung gibt das bereits erwähnte alte Jagdbild vom Palaste des assyrischen Königs Asurnasirpal aus dem Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr., besonders aber die aus bester mykenischer Zeit Griechenlands, aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Chr. stammenden Rinderfiguren auf den Goldbechern von Vaphio, dem alten Amyklai. Es sind dies die weitaus besten Urbilder, die wir besitzen. Diese in einem prähistorischen Kuppelgrab 1888 gefundenen beiden Goldbecher, die offenbar aus der gleichen Werkstätte hervorgingen, zeigen in einem Basrelief den Fang und die Zähmung des wilden Urs. Der eine Becher (I) stellt dar, wie ein Ur sich in einem von starken Stricken verfertigten Netze fängt und dabei überkugelt, während zwei andere in gestrecktem Galopp aus dem Bereiche des Netzes flüchten, wobei der eine zwei sich ihm entgegenstellende, mit Wams und Hosen bekleidete Männer über den Haufen rennt, den einen derselben auf die Hörner nimmt und davonschleudert. Der andere (auf Tafel II) stellt vier gezähmte Ure, drei Männchen und ein Weibchen dar, welch letzteres sein Haupt in Profilstellung dem ihm zunächst stehenden Stier zuwendet. Davor steht ein mit Wams und Hosen bekleideter Mann, der einen laut aufbrüllenden Urstier mit einem dicken Strick am linken Hinterbein gefesselt hält.