Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: „das Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß — Sie möchten — der Aufsatz ist etwas lang —“ „Nein, guter Freund,“ rief der Hanswurst, „so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen Sie weiter, oder ich fahre fort.“ „Ich bitte selbst darum,“ sprach Henriette, „ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt, da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst interessant.“ Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:
„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man —“
Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,
„man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen —“
„ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie“ — damit hielt er sich das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. „Das Blatt,“ rief ihm der Unbekannte nach, „wir bitten um das Blatt.“ Doch Wicke war zur Thür hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: „Aus welchem Blatt war der Aufsatz?“ „Aus dem Menschenscheuen,“ erwiederte der Hanswurst, „und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern hindrückt.“ „O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß noch nicht gelesen,“ sprach der Unbekannte. „Erlauben Sie, so vollende ich die Lektüre.“ Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte, sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:
„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur vox populi, vox dei, aber nicht vox plebis, vox dei. Demnach erlaubt sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so: Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen mit unterdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme, die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold haben könnte?“
„Ich begreife nicht,“ unterbrach Henriette, „warum der Rath sich so gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig mit ihm; er hat ganz Recht!“ „Ah! vous êtez un nage de bonté,“ exclamirte der Abbe. „Edle Seele“ rief Hemmstoff, „hätte mein Freund das ahnen können!“ „Nein,“ schrie der Hanswurst, „der Recensent ist ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.“ Der Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem Fenster gesehen, und rief: „Meine Herrschaften, der Lord Monday.“
6. Lord Monday. Die Arche Noah. Der Regenbogen. Das Duell. Die Ohnmacht.
Diese Unterbrechung machte der Lektüre ein Ende. Lord Monday kam lärmend die Treppe herauf. Man hörte ein Goddam nach dem andern, ohne die Ursache zu errathen. Ungemeldet brach er ziemlich stürmisch durch die Thür, und trat mit dem Staubmantel auf den Schultern ins Zimmer. „Guten Morgen, Vortrefflichste, wie geschlafen?“ „Recht gut, Ew. Herrlichkeit,“ entgegnete die etwas verlegene Henriette, „ich danke Ihrer theilnehmenden Nachfrage. Einen Stuhl, Luise, sey so gütig.“ Die Kammerjungfer, die am andern Fenster mit Nähen beschäftigt war, sprang auf. Doch Lord Monday rief: „Schon gut mein Kind, ich setze mich aufs Kanapee,“ und wollte sich, indem er den Mantel noch immer auf der Schulter hatte, eben darauf hinstrecken. Werner bemerkte ziemlich accentuirt: „der Mantel wird Er. Herrlichkeit hinderlich seyn.“ „Goddam,“ erwiederte der Lord, „das ist wahr,“ und warf den Mantel unvorsichtig auf einen Stuhl, neben welchem eine Servante mit Tassen stand. Durch den Schwung des Mantels wurde ein Theil derselben herabgeschleudert, und zerbrach klirrend. „Goddam! der verteufelte Mantel,“ rief der Lord, und stampfte mit dem Fuß. „Mein Gott,“ rief die erschrockene Henriette, und eilte hinzu. Alles sprang auf, um die Trümmer zu sammeln. Der Lord stampfte und fluchte. Werner schien höchst aufgebracht, doch sagte er nichts. Henriette, die die zerbrochenen Tassen mit aufnehmen half, ließ plötzlich ein halb verhaltenes: „o weh!“ hören, und man sah, daß sie eine Thräne, die ihr ins Auge trat, zu verbergen suchte. „Was ist Ihnen?“ fragte Werner. „O nichts,“ erwiederte sie, „die Tasse mit dem Bilde meiner jüngern verstorbenen Schwester ist auch zerbrochen, und das thut mir nur leid,“ fügte sie leiser hinzu. Der Lord, der es gehört haben mochte, rief: „Trösten Sie sich, schöne Henriette, ich bezahle die Tassen dreifach, Sie sollen ein Dutzend schönere dafür haben.“ Werner fuhr auf; doch Henriette, die es sogleich bemerkte, wandte sich zu ihm, und sprach: „Herr Werner! ein Wort! Ich bitte.“ Er folgte ihr einige Schritte bei Seite. „Thun Sie mirs zu Gefallen,“ sprach sie dringend, „seyn Sie ruhig, es könnte Ihnen übel zu stehen kommen, und das würde mir höchst traurig seyn; ich bitte Sie, sagen Sie dem Lord nichts. Das Geschehene ist ja nun doch geschehen.“ „Ich gehorche,“ entgegnete Werner, „allein seyn Sie überzeugt, daß nur Rücksichten für Sie, keine für mich, mich abhalten, diesem rohen Gesellen das zu sagen, wovor er sich durch seinen Stand bei Ihnen geschützt glaubt.“