„Das grausame Geschick, im Bunde mit schwarzen Verräthern, hatte sich diesen Morgen gegen mich verschworen. Ich war allerdings der Verfasser jenes Aufsatzes, aber nur seiner ersten Hälfte. Irgend ein hämischer, boshafter Feind, dem ich auf die Spur zu kommen denke, hatte meinen Schluß gestrichen und sein Pamphlet angefügt. Das unterzeichnete W., der Anfangsbuchstabe meines Namens, sollte den Verdacht auf mich wälzen, als sey ich der freche Beleidiger Ihrer holden Anmuth und bezaubernden Kunst. Die Bereitwilligkeit, die ich hatte, den Aufsatz vorzulesen, und mein Entsetzen, das mich aller Faßung beraubte, als ich ihn so abscheulich verstümmelt sah, mögen zuerst für die Wahrheit meiner Behauptung, für die Treue meiner Gesinnung zeugen. Alsdann aber würdigen Sie auch das beiliegende Blatt eines Blickes, und überzeugen Sie sich durch die Mittheilung meiner Urschrift, wie ich von Ihnen denke. In der Hoffnung, daß Sie jetzt mich wieder Ihrer würdig achten, und mich nicht grausam verdammen werden,
Ihr ewig getreuer Verehrer
Wicke.“
Die Beilage enthielt eine Fortsetzung des Aufsatzes in den übertriebensten und tollsten Ausdrücken, die wir dem Leser nicht aufdringen wollen. Zu einer andern Zeit möchte diese vorgebliche Rechtfertigung des Rathes höchst komisch erschienen seyn. Jetzt waren die Liebenden zu glücklich, um die Sache einer längern Aufmerksamkeit zu würdigen. Henriette warf das Blatt bei Seite, und der Inhalt, wie der Schreiber desselben waren vergessen. — Die Liebenden wurden jetzt einig, daß ihr Plan noch geheim bleiben müsse, und ihr Verhältniß ebenfalls der treuen Verschwiegenheit Luisens allein anvertraut werden dürfe. So schieden sie spät in der Nacht mit vollem seligen Herzen, denn kein anderer Wunsch blieb, als der eines recht baldigen Wiedersehens.
10. Die Epigrammatisten. Die Ausforderung.
Wir hatten unsere Bekannten, die Räthe Wicke und Hemmstoff, so wie den Hanswurst bei einer wohlbesetzten Tafel im eleganten Lokal des Hoftraiteurs verlassen. Dort hatten sich noch mehrere Freunde zusammen gefunden. Ihr Gespräch war, wie natürlich, Henriette. Wicke, der den Namen nicht nennen hören konnte, ohne sich seines verdießlichen Unfalls zu erinnern, schlich abseits, ließ sich von einem der Kellner Feder, Tinte und Papier geben, und schrieb den Brief und Aufsatz, den wir im vorigen Kapitel gelesen haben. Allein ehe er ihn absendete, las er ihn noch in der Gesellschaft vor, indem er vorgab, er habe ihn so eben aus seiner Wohnung geholt. Natürlich fand er allgemeinen Beifall, so daß Wicke fast seinen Stern prieß, dessen Einfluß ihn auf diese Art zum Schriftsteller gemacht hatte. Er wurde darauf dem Kellner übergeben, der die Besorgung übernahm. Durch Wickes Vorlesung hatte sich das Gespräch auf die Kritiken des Tages gewendet, und jedermann, der die letzten Flugblätter verschiedener Art gelesen hatte, fand, daß sie sich offenbar in zwei Partheien theilten, deren eine absichtlich hämische Angriffe auf Henrietten that, die andere dagegen sie kräftig beschirmte und vertheidigte. Der Redakteur des Menschenscheuen, der Professor Ruhwitz, mußte nach der Meinung der Gesellschaft offenbar bestochen worden seyn, um Wickes Kritik so schändlich zu Henriettens Nachtheil zu verdrehen. „Doch wer könnte,“ fragte der Rath Hemmstoff, „wohl dazu Anlaß gegeben haben?“ „Wie?“ fiel Wicke ein, „können Sie noch zweifeln? Ich wette, es ist die neidische Caroline gewesen!“ „Sie haben Recht,“ rief der wohlbekannte Obrist-Lieutenant, der auch dabei war, „ich bin diesen Morgen, ehe ich zu Henrietten ging, einen Augenblick bei ihr gewesen, da konnte sie ihre Wuth kaum unterdrücken. Ich neckte sie absichtlich ein wenig, indem ich Henrietten in den Himmel erhob, und jedes Mal, daß sie selbst von sich und einer ihrer Rollen anfing, sprang ich ab, und kam wieder auf Henriettens Vorzüge. Sehn Sie, die kleine neidische hübsche Person hätte beinah geweint vor Aerger.“ „Deliciös,“ rief ein uns noch nicht bekannter Mann, Namens von Hayfisch, (ebenfalls ein Mäcen des Theaters und Jerusalemitischer Abkunft,) „auf Ehre, lieber Obrist-Lieutenant, deliciös. Ich hätte mögen dabei seyn. Aber morgen will ich hin und es eben so machen. Man muß den übermüthigen Sängerinnen zeigen, daß man sie nach Gefallen absetzen kann. Sie ist lang genug meine Göttin gewesen; morgen soll sie einmal statt des Weihrauchs bittre Pillen schlucken!“ Ein junger blaßer Mann, der bisher einsam und ohne zu sprechen an einem Tische gesessen hatte, stand jetzt auf und näherte sich den etwas laut Sprechenden. Der Hanswurst erkannte ihn und flüsterte: „Seht da die Leiche, die Carolinens Schatten bildet; es ist ihr blaßer Verehrer. Nun, wenn er Eure Rede gehört hat, und er wird nicht roth wie ein gesottener Krebs, so erlebe ich, daß ein Mohr blaß wird, wie der steinerne Gast.“ Wirklich überzog eine leise Röthe des Verdrußes die Wangen des bleichen hagern Jünglings. Er schien zweifelhaft, ob er der Gesellschaft näher treten solle, oder nicht, doch endlich machte er, wie einer der einen plötzlichen Entschluß gefaßt hat, eine Wendung, schritt gerade auf den Tisch zu, und redete folgender maßen:
„Meine Herrn! Ich höre hier so eben einige ganz unschickliche und ungeziemende Reden, die eine Dame, welche sie alle kennen, beleidigen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie ausgesprochen hat, doch ich erkläre Ihnen hierdurch, daß ich die Redner, falls sie das nicht unleugbar beweisen können, was sie gesagt haben, für Männer ohne Ehre halte. Könnten sie es aber auch beweisen, so muß ich dennoch die Art, wie sie über eine Dame hinter dem Rücken derselben sprechen, für niedrig und unter der Würde eines Mannes von Stande erklären. Darnach haben Sie sich zu richten. Ich bin ein Römer, heiße Agrippinus Coloniensis, meine Wohnung ist in der Roßmariengaße.“ Mit diesen Worten schritt er stolz zur Thür hinaus. Die Gesellschaft saß mit offenem Munde, und wußte nicht was sie sagen sollte. Endlich fing Hayfisch an furchtsam zu fragen: „Hat denn jemand von uns etwas gesagt, was den Herrn beleidigen könnte?“ „Daß ich nicht wüßte,“ erwiederte der Rath Wicke. Der Obrist-Lieutenant sah höchst verdrießlich aus und sprach kein Wort. Während dieser Pause traten mehrere Herren ein, die jedermann auf den ersten Blick an ihren Gesichtern für Kritiker erkannte. Es waren unter andern Raupenbach, der Redacteur Quark, der Poet und Kritikaster Schillibold Avecça, desgleichen Rennstein, Ruhwitz, Puckbulz, Huhn und andere; sie schienen im lebhaftesten Gespräch mit einander, setzten sich an einen etwas entlegenen Tisch und forderten Wein. Man hätte gewiß wenig von ihrem Wechselgespräch verstehen können, wenn nicht in der ersten Gesellschaft gerade eine so tiefe Stille eingetreten wäre. So hörte man ab und zu folgendes:
Quark. Das wird Aufsehn machen, lieber Rennstein, glauben Sie mir; besonders, wenn Sie, lieber Schillibold, und Sie, theurer Huhn, uns Ihren Beistand nicht entziehen.
Schillibold Avecça. Freilich! Wir halten uns zu keiner Parthei, aber unserm Humor wollen wir Luft machen.
Huhn. Mir braust es im Gehirn wie Champagner! Wenn ich nur Luft für alle Gedanken hätte!
Quark. Mir geht es eben so! Ha, wie wird das die Zeitung heben! Ich widerlege mich zehn Mal selbst, und immer gröber. Ja ich wäre im Stande und sagte mir selbst Injurien, und verklagte mich auch selbst beim Kammergericht.