12. Die Landparthie.
Lord Monday war am andern Morgen zur schönen Henriette gefahren und hatte sie zu der von ihm projektirten Fahrt auf’s Land eingeladen. Sie nahm es unter der Bedingung an, daß sie als ihre eigene Wirthin dabei erscheinen wolle, und behielt sich das Recht vor, selbst einige Gäste mitzubringen. Monday hatte sich zwar andre Pläne gemacht, doch er mußte nachgeben. Brückbauer, mehrere Schauspielerinnen, unter denen auch Auguste und noch einige andere Familien, nahmen Theil. Daß Hemmstoff, der Abbe, auch Regenbogen und der Hanswurst nicht fehlten, läßt sich denken. Henriette theilte, so wie Monday fort war, Wernern, der im andern Zimmer gesessen hatte, sogleich mit, was der Lord gewollt habe. Sie bat ihn, ihr Begleiter zu seyn, um sie gegen Zudringlichkeiten, die sie fürchtete, zu schützen, auch lud sie, um nicht ohne weibliche Begleitung zu seyn, die Tochter ihrer Wirthin, Wilhelmine, ein stilles, bescheidenes Mädchen, zur Theilnahme ein, und redete ihrer alten Pflegerin zu, mitzufahren, um die schöne Sommerluft zu genießen. Um drei Uhr sollte in Strahlheim zu Mittag gegessen werden. In der Hoffnung, dort einige angenehme Morgenstunden zuzubringen, ehe die lärmende Gesellschaft nachkäme, schlug Henriette vor, sogleich zu fahren. Werner besorgte den Wagen; in einer Viertelstunde war man auf dem Wege.
Unsere Duellanten saßen gerade beim Versöhnungsfrühstück, als der Wagen vor das Wirthshaus rollte, und Henriette in einem leichten weißen Sommeranzug, anmuthig wie eine Grazie, aus dem Gebüsch des Einganges trat, und an Werners Arm den Gartenpfad hinaufwandelte. Man war höchst überrascht, doch es war keine Zeit die Trinkanstalten aus dem Wege zu räumen, denn noch ehe man sich besonnen hatte, öffnete sich schon die Saalthüre und Henriette trat ein. Man sprang auf, um sie zu begrüßen; sie erstaunte sehr, die Herren schon hier zu finden. Noch höher aber stieg ihre Verwunderung, als sie die Waffen und anderes Duellgeräth auf einem Tische liegen sah. „Mein Gott, meine Herren!“ rief sie, „ich trete hier wol ganz unvermuthet und störend ein? Was ist hier vorgegangen, oder was soll geschehen? Ich bin zu einer Landparthie geladen, von der ich mir, den schönen Vormittag zu genießen, einige Stunden vorausgenommen habe.“ „Eben das,“ entgegnete der Obristlieutenant, „haben auch wir gethan; es erfreut mich ungemein, daß wir uns auf gleichen Gedanken begegnen. Darf man Sie, meine Schönste, zum Frühstück einladen?“ „Ich danke Ihnen sehr,“ entgegnete Henriette, „ich ziehe es vor, noch einen Morgenspatziergang mit meiner Begleitung zu machen. In kurzer Zeit komme ich zurück; lassen Sie sich indeß durchaus nicht stören.“ Mit diesen Worten verließ sie den Saal. Draußen wandte sie sich an Werner: „Um Gottes Willen, lieber Werner, ich habe Waffen gesehen; erzeigen Sie mir die Freundschaft und suchen Sie zu erfahren, was hier vorgeht oder vorgehen soll.“ „Nach meiner Kenntniß der Dinge — vorgegangen ist,“ erwiederte Werner, „und wahrscheinlich ganz glücklich abgelaufen; doch will ich das Nähere zu erfahren suchen.“ „Wenn nur ich nicht wieder die unschuldige Ursache gewesen bin; das beunruhigt mich so sehr,“ entgegnete Henriette. Werner tröstete sie darüber, und versprach ihr, noch Vormittag Nachricht deßhalb zu schaffen. Man schlug jetzt einen schattigen Weg nach einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese ein, die rings von dem Strom umschlossen wurde. Auf ihrer Mitte stand, von alten ehrwürdigen Bäumen umgeben, die Dorfkirche, welche dem Ort eine fromme heimliche Stille verlieh. Hier setzten sich unsre Wandernden auf den Rasen und erfreueten sich an dem lieblichen Gemälde, das durch die heiterste Beleuchtung und den reinen Hintergrund des blauen wolkenlosen Himmels noch an Reiz gewann. Werner und Henriette sahen sich stumm an, doch ihre Blicke sprachen die ganze Seligkeit der innigst Vereinigten aus. Indem hörte man das Gras rauschen, und siehe da, die Herren von der Gesellschaft im Wirthshause hatten sich aufgemacht, um den Spatzierenden zu folgen. Jetzt entspann sich unter ihnen ein Gespräch, das wir mittheilen wollen, wenn wir zuvor die lagernde Gruppe gezeichnet haben. Die Hauptfigur, um die sich die andern gruppirten, war natürlich Henriette. Sie saß auf einem dicht mit Moos bedeckten Steine, am Fuße einer alten breitästigen Linde; neben ihr zur Linken die stille schüchterne Wilhelmine etwas niedriger; rechts, halb zu ihren Füßen, hatte Werner seinen Platz genommen, nämlich so, daß er ihr, ohne sich merklich zu wenden, in das liebe Angesicht schauen konnte. Bescheiden zurückgezogen, hinter Henrietten, hatte sich die alte Wärterin mit einem Strickstrumpf niedergelassen, und lehnte sich seitwärts an den Stamm der Linde. Wicke, Hayfisch, der Obristlieutenant und die feindliche Parthei, aus dem Sekundanten, dem Arzt und dem Verwundeten bestehend, waren jetzt nachgekommen und suchten sich, nach guter Malerordnung, der Hauptfigur so nahe als möglich anzuschmiegen. Wicke traf es gut, indem er zunächst neben Wilhelminen Platz nahm; Hayfisch und der Obristlieutenant reiheten sich hinter ihm an. Denn Keiner mochte hinüber zu Werner, der ihnen mehr als ein Dorn im Auge war. Doch Agrippinus, der ihn nicht kannte, ihm zunächst der Sekundant, und als starker Beschützer des Flügels, der große schwarzaugige und schwarzlockige Arzt, schlossen sich an die gegenüberstehende Seite an. So lagerten die Duellanten also fast wie zwei feindliche Armeen einander gegenüber. Doch in der Mitte thronte die anmuthige Göttin der Schönheit und hielt die wilden Horden im Zaum. Wicke nahm nach der ersten Begrüßung so das Wort: „Ein glücklicher Gedanke von Ihnen, schönste Henriette, daß Sie so früh hinaus in die Arme der reizenden Natur geeilt sind. Doch Ihre Erscheinung im Saale war so flüchtig, so überraschend, daß wir kaum Fassung gewinnen konnten, Sie zu begrüßen, viel weniger ich dazu kam, Ihnen noch meine mündliche Entschuldigung über das Mißverständniß“ —
Henriette. Lassen wir das, Herr Rath. Die Gegend ist hier zu ländlich, das Wetter zu schön, um die Welt mit Allem, was sie Lästiges und Drückendes hat, nicht von Herzen gern zu vergessen. Erzählen Sie uns lieber, was Sie und die Herren so früh herausgeführt hat.
Wicke. Die Sehnsucht nach dem Genuß der Natur.
Der Arzt. Der Wunsch, uns eine kleine Bewegung zu machen. Auch der Körper will ein Recht.
Werner. Es wird ihm hoffentlich bekommen?
Arzt. O, vortrefflich. Bewegung und Aderlaß sind das Gesundeste für den Städter.