Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die Kinder den Schreibtisch.
(Am 28. Dezember 1864)
Märchenhaftes
Friedrich Mitterwurzer
Man soll Märchen nicht dichten wollen. Märchen dichten sich selbst! So dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und Dichtung die naturwüchsige Entwicklung als Grundgesetz für Menschen und Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten einzuführen, neue Gesetze zu machen, neue Glaubenssätze zu prägen und neue Märchen zu erfinden. Das Leben ist aber stärker als die Lehre. Was neue Märchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder- und Hausmärchenzeit ein zierlich gebundenes und gepreßtes Bändchen in die Hand: »König Drosselbart«, ein Gedicht von E. Bügner (Wien, Carl Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der hochmütigen Königstochter aus äußeren Umständen mehr in das Gemüt hineinverlegt, verrät eine Damenhand, und die ungewöhnliche Sprachgewandtheit, die hier waltet, läßt auf literarische Blutsverwandtschaft schließen. In dem Namen Bügner klingen fast sämtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines berühmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker Hand die Grundlinien der Geschichte Österreichs gezogen und in diesen Jahren das alte historische Märchen von dem edelgesinnten und mißhandelten Königssohne Don Carlos zerstört hat. König Philipp und König Drosselbart! Unsere Töchter sorgen dafür, daß die Märchen nicht aussterben ... Märchen, die sich selbst gedichtet haben – Volksmärchen – und Märchen, die gedichtet worden sind – Kunstmärchen – werden übrigens immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Märchenvorlesungen einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinären Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen Künstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurück: »Gehen Sie nur mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und spiele einfach, was in meiner Rolle steht.« So im besten Sinne gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein Programm zweierlei Märchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes. Das gedichtete Märchen »Vom unsichtbaren Königreich« entnahm er Richard Leanders »Träumereien an französischen Kaminen«, und das gewachsene »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« holte er sich aus der Märchensammlung der Brüder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand Mitterwurzer vor der Hörerschaft, aus der Knaben und Mädchen bis herab zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Köpfe reckten. Er las, wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzählend lesen, war wohl der Grundcharakter des Vortrages, aber über dem Lesen entwickelte sich ein lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als ausgeführten Mienen und Gebärden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Künstler, der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns einen König Philipp vorgeführt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch war, und der überhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei seinen Märchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Märchen ihre Stelle gefunden hat. Im Märchen »Vom unsichtbaren Königreiche« wird ein Flußtal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald rauschen und erzählen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte eröffnet uns der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er läßt im Worte die Musik der Landschaft widerklingen, man sieht hörend die Natur. Die Beschreibung schließt mit dem Satze: »Es war ein wunderbares Tal!« Da nimmt sich Mitterwurzer das Wort »wunderbar« heraus. Er läßt das schöne Wort musikalisch wirken, er läßt es klingen, ohne daß er singt. Aus dem dunkleren »u« bricht das helle »a« wie ein Tag aus der Dämmerung. Wir haben nie eine herrlichere Wortmusik gehört.
In der Pause zwischen den beiden Märchen dachten wir uns in unsere Knabenzeit zurück. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum von Märchen mitgebracht hatte. Ihr Gedächtnis war erstaunlich, und es machte ihr Vergnügen, aus der Fülle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie konnte sich wohl messen mit der berühmten hessischen Märchenfrau der Brüder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen saß, den Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen ließ – denn damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum Weber, die Weben auf die Bleiche – dann begann die Magd zu erzählen und tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschöpft waren. Dann hörten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und freuten uns schon auf den nächsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzählung hatte mehr epischen Fluß, arbeitete das Gespräch und die dramatischen Momente nicht so stark hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem modernen Märchen gegenüber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner Fassung springt und nun auch an den Stellen, die früher bedeckt waren, zu funkeln beginnt. Das echte Volksmärchen, wie das »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen«, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen diese Behandlung, weil die Erzählung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein heiterer Ton geht durch dieses köstliche Märchen, der gleich im Anfang angeschlagen wird. »Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.« Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes Nationalgefühl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: »Wir fürchten uns vor niemand!« Ja, hinter diesen scherzenden Märchen sehen wir die Deutschen, wie sie kämpfend in die Weltgeschichte treten, kämpfend nicht bloß aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten Wämsern, treu und schlagfertig, in den Vorhöfen des Vatikans stehen.
Die deutschen Märchen, die sich selbst gedichtet haben – die Volksmärchen – sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Götter betrachtet, die sich vor christlicher Verfolgung in die Märchentracht versteckt haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Märchen, die dieser Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornröschen. Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brünhild zu befreien, der junge Königssohn, der durch die Hecken bricht, um Dornröschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt: zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Märchenprinz. So kann nun jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als Märchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Märchen sind so bequem auszulegen wie Dornröschen, und selbst die nationale Ursprünglichkeit der deutschen Märchen wird bedenklich, wenn man dieselben Märchen, wie die deutschen, unter verschiedenen Himmelsstrichen und Völkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen, das beweise nichts gegen die nationale Ursprünglichkeit der deutschen Märchen. Am Fuße des Himalaya blüht ein Gänseblümchen auf, in einem Tale des Wienerwaldes ein anderes Gänseblümchen, die beide nichts voneinander wissen. Oder nüchterner ausgedrückt: ähnliche Notlagen erzeugen ähnliche Gedanken und Erfindungen, ähnliche Gemütslagen bringen ähnliche Dichtungen hervor. Allein die Ähnlichkeit häufte sich in dem Maße, daß man an Entlehnung denken mußte, und ein deutscher Gelehrter (Theodor Benfey) machte die merkwürdige Entdeckung, daß der größte Teil unserer abendländischen Märchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von den Erfindungen des Orients. Und das letzte: daß Dichtungen sich selbst dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Märchen. Überall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in der Wissenschaft, in der Technik, überall steckt ein einzelner Kopf dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewiß durch geniale Griffe einzelner Menschen vorwärts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschließen sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort geschrieben: »Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von Wandervögeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen fliegen abwechselnd an der Spitze.«
Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Künstler, hat uns durch seine Märchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen zurückkehrend wir ihn noch einmal dankbar begrüßen.
(Am 25. Dezember 1895)