Der Herausgeber.

Inhalt

[Zu Weihnachten][1]
[Einsame Spatzen][12]
[Alte Mädchen][17]
[Frauenalter][23]
[’s Rickele von Munterkingen][29]
[Die Kunst, arm zu werden][43]
[Zwei Kinder][49]
[Ohne Mutter][58]
[Mutter und Kinder][64]
[Aus der Kinderwelt][70]
[Aus der Kinderstube][79]
[Märchenhaftes][87]
[Spiegelbilder][94]
[Das Ammergauer Krippenspiel][101]
[Das Heimatsgefühl der Brüder Grimm][114]

Zu Weihnachten

Ich habe viele Weihnachtsbäume gesehen in meinem Leben, aber keiner gefiel mir so gut und gefällt mir mit jedem Jahre besser, als der Baum, den ich meinen Kindern aufrichte. Gewiß waren es selige Tage, da man mit seinem kleinen kindlichen Herzen noch an Wunder und Zeichen glaubte, wo im Advent noch Engel an die Fenster pochten und in der Stube, durch welche sie geflogen, Tannenzapfen und Stücke von Rauschgold zurückließen, bis endlich das Knäblein von Bethlehem als Heiland der kleinen Kinder sich persönlich ins Haus bemühte, um mit freigebiger Hand die Fülle seiner Gaben auszubreiten. Freilich hielt solche arglose Gläubigkeit, zumal in Ländern mit Schulzwang, nicht lange vor. Der Schulmeister ist der geborene Feind jeder Romantik und sein ABC die schwarze Kunst, welche Himmel und Hölle zwingt. Wie tief mußte der unbeschränkte Kredit, den man der alten Firma Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist geschenkt, erschüttert werden, wenn eines schönen Weihnachtsabends ein freches Schuljungen-Auge an dem ledernen Hanswurst den Preiszettel mit dem Stempel: »Simon Mayer und Sohn« entdeckte und entzifferte? Wer lesen kann, ist schon halb des Teufels, und vollends wer schreibt, der gehört ihm mit Haut und Haar. Und doch wandelt uns die Aufklärung nicht völlig um, denn während sie uns die unklaren Vorstellungen zerstört, rührt sie kaum an die dunklen Empfindungen, aus welchen jene Vorstellungen hervorgegangen. Sie nimmt den Zahn und läßt die Wurzeln stehen. So kann es denn auch geschehen, daß sonst nüchterne Männer, die bereits das Schwabenalter überschritten haben und dem kirchlichen Weihrauch gründlich abhold sind, durch den Duftfaden einer ausgelöschten Wachskerze oder den Geruch eines angebrannten Tannenwedels in eine Strömung des Empfindens hineingezogen werden, die sich von dem Ergusse religiöser Gefühle nicht allzu weit entfernt. Und solche Gefühlsweise begleitet uns in die Fremde und erwacht hier um die Weihnachtszeit mit doppelter Lebendigkeit. Der Weihnachtsbaum der Fremde findet uns als ein sehnsuchtsvolles, dummes Kind. Kein trübseligeres Los, als in fremder Stadt die Gassen einsam durchwandeln und ohne gemütliche Beziehung mit ansehen zu müssen, wie in den Fenstern ein Baum nach dem andern aufleuchtet und wieder finster wird, als ob uns das alles nichts anginge. Daher segnen wir die guten Menschen, die den Junggesellen an ihrer Weihnachtsfreude teilnehmen lassen, ihm auf Augenblicke eine Familie vortäuschen. Wohl wird ihm die Täuschung fühlbar werden, und seine Gedanken werden, die Illusion der Gegenwart überspringend, zurückschweifen in die Kindheit und das Elternhaus; er gedenkt vielleicht einer geliebten toten Mutter, eines alternden Vaters, der Geschwister, die Liebe oder anderes Schicksal nach allen Winden zerstreut hat. Anders als früher treffen sein Auge die funkelnden Lichter des grünen Lustbaumes; sie brechen sich in dunkleren Farben nach innen, der Ernst des Lebens, seine wechselnden Geschicke tauchen am Horizont der Seele auf. Er ist nicht mehr Kind, und er hat noch keine Kinder. Erst wenn er das geliebte Weib heimgeführt, wenn sie ihm Pfänder der Liebe geschenkt, dann blüht ihm eine zweite Jugend zu, und er wird wieder mit vollem Verständnis vor dem Weihnachtsbaum stehen. Die Welt ist ihm freilich mittlerweile klar geworden. Der Himmel hat sich ihm zu einem unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert, aber lächelnd und nicht ohne Rührung sieht er die religiösen Vorstellungen als Spielzeug in den Händen seiner Kleinen. Den Weihnachtsbaum durch die Augen dieser kleinen Weltbürger zu betrachten, ist das seligste Vergnügen, und darum gefällt mir von allen Weihnachtsbäumen gerade der Baum am besten, den ich meinen Kindern aufrichte.

Ja, Weihnachten ist der große Kindertag des Jahres, und es ziemt sich wohl eine Betrachtung darüber, was uns diese kleinen Geschöpfe sind. Ich möchte Frauen darüber befragen, denn sie stehen den Kindern um so viel näher als wir, daß wir doch immer ein wenig uns ähnlich ausnehmen, wie der gute Joseph, der die Gruppe der heiligen Familie bilden hilft. Aber vielleicht stehen die Frauen den Kindern allzu nahe, sind in einem gewissen Sinne selbst zu viel Kinder, als daß sie über ihre eigene Sache beredsam werden könnten. Der Mann nimmt sich auch hier wie anderwärts das Wort heraus. Nun sprudeln dem Manne zwei lebendige Quellen der Verjüngung: die Frauen und die Kinder, zu welchen ich als dritte noch die Tiere, als die ewig minderjährigen Geschwister des Menschen, zählen möchte. Die Frauen zu preisen, zu wiederholen, daß sie die geborene Liebe und Anmut, daß sie Heldinnen sind im Ertragen von Leiden und in der selbstlosen Hingabe und Aufopferung, wäre ein eitles Beginnen, da der Preis der Frauen durch alle Zeiten und Zungen klingt und die Poeten heute wie gestern nicht müde werden, die bezauberndste Erscheinung der Natur in zarten Worten und Weisen zu feiern. Das Kind aber sitzt wie ein neuer Schmuck und Reiz der Weiblichkeit auf dem Schoße der Mutter, und selten nimmt es der Dichter von diesem seligen Ruhesitz auf, um es in die Arme zu schließen und es zu herzen und zu küssen. Und doch, welche Macht übt solch kleines Gewächs über uns aus, wie greift es ein in den Gang unseres Lebens! Es ist die hochmütigste Täuschung, wenn wir uns erhaben dünken über diese zapplige, vielbegehrliche Brut, denn wenn wir es genau überschlagen, sind wir in den meisten Fällen die Kinder unserer Kinder, wenn nicht noch schlimmer, ihre Narren. Wir glauben Kinder zu machen und werden von ihnen gemacht, wir glauben Kinder zu erziehen und werden von ihnen erzogen. Und dies letztere zwar in einem ganz guten Sinne. In unsere künstlichen Verhältnisse hinein wird uns plötzlich ein so kleiner Naturbursche geboren. Wie nackt, wie ungezogen, wie unschicklich nach unserem verfeinerten Begriffe ist solch ein Persönchen, wie eigensinnig, wie despotisch macht es seine Wünsche geltend! Von der Brust der Mutter nimmt es Besitz wie von einem ewigen Menschenrechte und erfüllt die Luft mit einem Geschrei, als ob außer ihm kein Mensch auf der Welt wäre. Aber eben dieses unwidersprechliche Gebahren macht uns dieses kleine Ding lieb und wert; es tritt uns als eine Natur entgegen, als ein gebieterischer Wille, dessen Vernunft wir einsehen. Wie sich in diesem anfangs blinden Willen die Geisteskräfte regen, wie das Auge sehend wird, das Ohr hörend, und wie der Wunsch nach und nach das Wort findet, das ist mit jedem neugeborenen Kinde ein neues Wunder und für den liebend beobachtenden Menschen ein Schauspiel, dessen Reize sich niemals erschöpfen. Diese geschlossen und sicher vordringende Natur des Kindes und diese liebevolle Versenkung in sein Wesen machen die Tatsache begreiflich, daß nach dem Urteile der Eltern jedes Kind das schönste und gescheiteste ist. Auch der gemeine Mann spürt aus dem Kinde die aus einer ungeschulten, unzerstreuten Natur entspringende Genialität heraus, und den Nüchternsten macht sein kleines Mädchen, das nach dem Monde greift, auf Augenblicke zum Poeten. Die Kinder machen und erhalten uns jung, und selbst der Kummer und die Sorgen, die sie uns bereiten, idealisieren unser Leben.

Wenn wir daher Weihnachtsbäume aufputzen und sie mit Lichtern bestecken, so tragen wir unseren kleinen Erziehern in gewissem Sinne den Zoll unseres Dankes ab. Ich möchte heute in viele Fenster hineinsehen und den Wetteifer des Glückes auf den Gesichtern der Kleinen und Großen lesen; den lärmenden Drang in kindervollen Stuben möchte ich belauschen, wie die stillere Seligkeit von Eltern, die nur ein einziges Kind – ein »zitterndes Glück« – ihr eigen nennen. An kranke Kinder darf ich gar nicht denken zur Weihnachtszeit, noch weniger mag ich mir vorstellen, daß der Tod irgendwo angeklopft und ein junges Seelchen flügge gemacht hat. Ich kann keinen Trost bringen, wo ich ihn selbst entbehren müßte. Aber eurer möchte ich gedenken, ihr gedrückten Wesen, die ihr den hellen Schein der Kerzen scheut und euch in einen Winkel des Zimmers drückt. Was ist es denn, das euch Kümmernis bereitet? Daß du auf dem linken Bein ein wenig hinkst, du guter Junge, laß dich’s nicht anfechten; deine Beine sind gerade genug, um deine Pflicht zu tun. Und du, mit deinen blonden Zöpfen, du verständiges Gesicht, gräme dich nicht allzusehr, daß dir die eine Schulter verschoben ist; du hast Humor und zugreifendes Geschick, du wirst geraden Schultern zum Trotz einst als guter Geist des Haushaltes walten. Ihr werdet zutraulicher, ihr Bresthaften, und kommt alle nach und nach aus dem Winkel hervor. Seht, ich habe nichts, euch zu trösten, als guten Willen und gute Worte. Sind wir im allgemeinen Ebenbilder Gottes, so zeigt sich in euch der verstauchte, der verrenkte Gott. Er erträgt es, und ihr solltet es nicht ertragen können? Wollt ihr aber wissen, welche köstlichen Geheimnisse ihr in euren bresthaften Gliedmaßen berget, so will ich euch ein Märchen erzählen, welches so wahr ist wie das große Märchen von der Weltschöpfung und Weltregierung, und vielleicht wahrer, weil es sich einfach als Märchen gibt. Zwar nicht ich selbst, so sehr ich es wollte, habe dieses Märchen erfunden, sondern ein anderer deutscher Mann, der im jüngsten großen Völkerkampfe vor Paris gelegen und in den Mußestunden, die ihm seine harte Arbeit ließ, ein Bändchen »Träumereien an französischen Kaminen« für Weib und Kinder zusammengeschrieben hat. Ein junger Doktor der Weltweisheit aus Schwaben hat dieses kleine Buch meinen Kindern im vorigen Sommer als Gastgeschenk zurückgelassen. »’s ischt a schön’s Büchle,« sagte er in seiner traulichen Mundart, »für das ich begeischtert bin, und für das ich von jedem rechtschaffenen Menschen Begeischterung fordere.« Ich ließ es mir von meinen Kindern vorlesen, und so ist mir das Buch, in welchem neben dem sinnigen Menschen ein arger Schalk steckt, recht ans Herz gewachsen. Ich versprach also meiner lieben Gemeinde von bresthaften Kindern, ein Märchen daraus mitzuteilen, muß jedoch früher von ihr Abschied nehmen, denn wer wollte mich noch lesen, wenn der Dichter gesprochen hat? Auch fürchte ich einen Regen und trübe Augen und mag nicht gern dabei sein, wenn Menschen gerührt sind. Das schöne Märchen heißt also und lautet:

Das kleine bucklige Mädchen.

Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war sehr klein und blaß und wohl etwas anders wie andere Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die Mutter jedesmal: »Weil du ein so wunderhübsches neues Kleidchen anhast.« Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder und immer wieder und sagte: »Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein lieber Engel bist, nicht einmal dein Vater!«

Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf das Totenbett und wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine Freunde jedoch redeten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher als die erste, aber so gut war sie lange nicht.