Von solchen nicht in Erz und Stein sich deutlich kündenden Stationen des Goethe-Weges soll hier die Rede sein.


Goethe im Harz …

Sofort setzt die Erinnerung ein: natürlich, »Harzreise im Winter«! Und doch ist diese Harzreise im Winter, die durch das wundervolle Gedicht des Achtundzwanzigjährigen und durch die Brahmssche Rhapsodie Ewigkeitsprägung erhalten hat, nur eine, die erste, und Goethe ist danach noch dreimal im Harz gewesen. Schon allein der Einfluß, den die drei Brockenbesteigungen auf Goethes »Faust« gehabt haben, sollte ein Wissen darum über das enge Gebiet der Forschung hinaus zumindest bei allen denen voraussetzen lassen, die immer wieder mit allen Sinnen den romantischen Zauber der Walpurgisnächte in den beiden Teilen des »Faust« erleben und empfinden, sei es im Theater, wenn all der Hexenspuk auf der halbhellen Bühne vorübertaumelt und Faust und Mephistopheles durch Glimmergründe zum Brocken hinaufsteigen, sei es in der Stille des abendlichen Zimmers bei der Lektüre, wenn das Auge zu der Stelle gelangt: »Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend,« sei es im Konzertsaal, wenn Mendelssohns Vertonung der »Ersten Walpurgisnacht« zu Musik werden läßt, was bisher nur als Wort in uns gebrannt …

Aber das Wissen darum ist spärlich. Nicht alle Harzreisen Goethes haben wie die erste des Winters 1777 dichterische Verklärung gefunden, und so viele und so reiche Zeiten seines Lebens der Dichter später sich und uns auch nacherzählt hat, gerade über die elf Jahre in Weimar, die bis zur Italienischen Reise reichen und die das Verhältnis zu Frau von Stein mit Duft überhaucht, hat er sich, ähnlich wie über die späteren Jahre mit Schiller, ausgeschwiegen. Nur die Schweizerreise von 1779 macht eine Ausnahme.

Wer sich in diese Zeit versenken will, ist auf die Tagebücher und die Briefe, vor allem auf die Briefe an Charlotte von Stein, angewiesen. Wie schön fügt sich, geht man erst einmal an diese »Arbeit« heran, ein Steinchen ans andere, um schließlich das wunderbare Mosaik zu ergeben, das Goethes Leben gerade in dieser strahlenden, von Jugend, Liebe, Sehnsucht wirr verklärten Zeit, tausendfarbig auf Goldgrund widerspiegelt! Tag schließt sich an Tag, Woche an Woche, Jahr an Jahr, und über allem steht in milde schimmernder Gloriole: »Alles um Liebe.« Und da steigen dann auch, geweckt vom Willen zur Hingabe, aus der Vergessenheit die Epochen herauf, um die bisher ungewissestes Zwielicht zitterte. »Goethe im Harz« — solange eine Formel, die wenig oder nichts besagte und höchstens diesen oder jenen einmal zu den Gedichten greifen ließ, um dort die »Harzreise im Winter« nachzulesen — diese erstarrte Formel wird zu leidenschaftdurchglutetem Leben, das Stumme gewinnt Sprache und zieht den Freund der deutschen Landschaft in ähnliche Zauberkreise wie Anspruchsvollere die Schilderung der Italienischen Reise.


Es war Ende November 1777. Weimar lag bereits im Winterschlaf. Da unternahm der Herzog eine Jagd auf wilde Schweine im Eisenachschen. Goethe, über die erste wilde Zeit in Weimar schon längst hinaus und Charlotte von Stein, der »lieben Frau«, bereits ganz hingegeben, stand der Sinn nach anderem als lautem Jagdvergnügen; er hatte einen »wundersamen geheimen Reiseplan«, erwirkte sich kurzen Urlaub und wollte erst später wieder mit der Jagdgesellschaft zusammentreffen. Ihn bekümmerten nämlich — wie er selbst mehr als vierzig Jahre später in der »Campagne in Frankreich« erzählt — Briefe eines jungen Theologen aus Wernigerode, eines gewissen Plessing, den tiefste seelische Nöte quälten und der sich an Goethe, den berühmten Dichter des »Werther«, um Hilfe gewandt hatte. Ihn wollte er besuchen. Gleichzeitig wollte er einmal das Harzer Bergwesen aus eigener Anschauung kennen lernen, um das, was er dort sehen würde, nutzbringend für das in Verfall geratene Bergwerk in Ilmenau, das wieder in Gang gebracht werden sollte, zu verwenden. An diese »Reise auf den Harz« hatte er schon lange gedacht, jetzt verwirklichte er sie.