In Halberstadt will er dann die Herzogin erwarten, aber ein kleiner Abstecher von zwei Tagen führt ihn und Fritz erst nach Blankenburg, von wo aus sie bei schönstem Herbstwetter das Bodetal besuchen: »Wallfahrt nach dem Rostrapp«. Goethe wünscht, daß Frau von Stein dabei gewesen wäre, als er »mit Fritzen auf einem großen in den Fluß gestürzten Granitstück« zu Mittag gegessen habe … wie heimlich und reizend mutet das an, wenn man selbst das Bodetal genau kennt und dort in frühen Jahren selbst mit einem väterlichen Freunde auf den blankgewaschenen Steinen herumgeklettert ist! Nun wird es ja zu Goethes Zeiten noch etwas unwirtlicher ausgesehen haben, als in meinen Knabenjahren, und einen »Waldkater«, wo man Forellen frisch aus der Bode essen konnte, wird es auch noch nicht gegeben haben!
Tags drauf waren die beiden dann »im Rübelande«, haben die Marmorbrüche und die Mühle besichtigt, Goethe hat, Erinnerungen auffrischend, Fritz die Baumannshöhle gezeigt, und immer hat er Frau von Stein an den schönsten Stellen »sehnlich« zu sich gewünscht … »hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten«, mag er nun von uralter Steinbrücke herab auf das Dahinschießen des Wassers gestarrt und kleinen Glitzerwellen Grüße aufgetragen haben nach dem stillen Kochberg, oder mag er in manchem Felsen, mancher Klippe »Gesellen« jenes Steins begrüßt haben, der im Garten am Stern über seinem Lieblingssitze in den Rasenhang eingelassen war … Denkmäler des Glücks! Und nach kurzem zweiten Aufenthalt in Halberstadt, wo inzwischen die Herzogin eingetroffen war, geht's dann im 17. September nach Klausthal und Zellerfeld, wo Goethe sich »recht in seinem Elemente« befindet; er freut sich, daß er mit seinen »Spekulationen über die alte Kruste der neuen Welt« auf dem rechten Wege ist, und »füttert sich mit Steinen an«. Am 21. September erklettern sie, vom Oberberghauptmann von Trebra aus Zellerfeld geleitet, vom Torfhause aus den Brocken; der alte Förster Degen vom Torfhaus erkennt Goethe, den er 1777 durch Schnee und Eis auf den Brocken geführt hat. Er meint: »Nun! da kommen Sie denn doch noch einmal, in einer besseren Jahreszeit den Brocken zu besuchen,« und fährt fort: »Sie würden dorten, als Sie mitten im Winter von mir begehrten, daß ich Sie auf den Brocken führen sollte, mich mit allen Ihren guten Worten doch gewiß nicht beredet haben, Ihr Führer zu sein, wenn nicht eben durch den gar zu starken Frost eine harte Rinde über den tiefen Schnee gezogen gewesen wäre, die uns tragen konnte.«
Nun, diesmal war der Aufstieg nicht so gefährlich und beschwerlich, und »oben auf dem Gipfel auf den alten Klippen«, wo Goethe wohl die ersten wirklichen Eindrücke für die Brockenszenerie des »Faust« empfing, hat er sich nach Charlottes ferner Wohnung umgesehen und ihr »die Gedancken der lebhafftesten Liebe« zugeschickt — derweilen ihr Knabe, der Sohn eines anderen und ihm doch lieb wie sein eigener, um ihn herumsprang. Auch hier also: Genio huius loci!
Damit hatte die zweite Harzreise ihr Ende erreicht. Denn Göttingen, wo Caroline Michaelis, die spätere Frau Schlegels und Schellings, ihn flüchtig sah und sehr bewunderte, und Cassel, wo Goethe am Hof Besuche machte, gehören nicht mehr hierher.
Und zum dritten: Ein Jahr später! Erholungs-, Dienst- und Forschungsreise in eins. Denn Goethes geognostische Studien hatten inzwischen immer festere Gestalt angenommen, waren aus früher Spielerei zu ernster wissenschaftlicher Betätigung geworden: der Geist, der alle Gründe und Abgründe des Seins durchdrang, rätselte am Realsten, Gegenständlichsten, am Boden der alten Mutter Erde.
Hofrat Kraus war diesmal der Begleiter, Georg Melchior Kraus, auf Goethes Betreiben, der ihn schon 1769 in Frankfurt a. M. kennengelernt hatte, seit 1780 Direktor der neu gegründeten Weimarer Zeichenschule. Er sollte das, was Goethe auf dieser dritten Harzreise interessant dünkte, im Bilde festhalten, und durch die Zeichnungen von Kraus, die leider bis auf wenige, die in einem Werke Trebras veröffentlicht sind, unzugänglich sind, erhält diese Reise noch mehr wissenschaftlichen Charakter.
Diesen bezeugt auch das ernsthaft geführte »Geognostische Tagebuch der Harzreise«. Hauptquelle sind aber auch hier die Briefe an Frau von Stein, diese unerschöpflichste Fundgrube, und diese Quelle ist diesmal besonders interessant, weil das Verhältnis zwischen Goethe und Lotte von Stein sich schon dem Punkte näherte, wo es kein Darüberhinaus mehr gab; der Siedepunkt war so gut wie erreicht, und das unsagbar herrliche Gedicht, das Goethe von dieser Reise aus, aus Braunschweig, an die Geliebte richtet, jenes:
»Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen,
Daß ich in dir nun erst mich kennen lerne.
Mein Bitten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem Leben hängt«
spricht doch am deutlichsten für das schon zwiespältige Gefühl, das ihn in gleicher Weise von dieser Frau entfernte wie wieder zu ihr hintrieb, und das erst in der Flucht nach Karlsbad zwei Jahre später Erlösung fand.