Und leise wandelt sich die Chodowiecki-Szenerie in Mittelalter, in Gassengewinkel und uraltes Gemäuer. Grau und finster steigt das plötzlich auf, trägt schweres Dach und Erkerzierat, die Fensterscharten haben Butzenscheiben, Eisenzahlen, auf den Stein geschnörkelt, deuten in fernste Jahre.

Die Einfahrt zum Wittumspalais
der Herzogin Anna Amalia

»Am Palais«, erklärt das Straßenschild. Am Wittumspalais also, Anna Amalia Witwensitz. Da die Einfahrt! Auf den Torpfeilern bekränzte Urnen. Das allein ist Rokoko, ist Zopf. Sonst ringsum veritables Mittelalter. Man denkt wirklich mehr an Herzog Wilhelm den Frommen, der hier Franziskanern-Barfüßern eine »Burg Gottes« errichtete, denn an Anna Amalia in Reifrock und Perücke. Als die Mönche der Reformation wichen, wurde die Klosterkirche Kornhaus. Die Bauern steuerten hier den »Zehnten«, und Fluch schwelte Jahrhunderte um die düsteren Mauern. Anno 1767 kam dann der allmächtige Minister von Fritsch, der Anna Amalia rechte Hand in den letzten Jahren ihrer Regentschaft für den unmündigen Carl August. Die Klostergebäude wurden umgebaut, mit neuen Flügeln an der nahen Stadtmauer ergab sich ein hübsches, bequemes Palais. Das Kornhaus selbst blieb, was es war, bis es unter Carl Alexander, Carl Augusts Enkel, Verwendung fand als Großherzogliche Musikschule. Das ist das Haus noch heute, wenn auch nicht mehr Großherzoglich, und wo einst feierliche Messen zelebriert wurden und der Weihrauch dampfte, üben die Musikschüler fleißig ihre Tonleitern. Mitunter aber dringt aus den kleinen Rundbogenfenstern auch Orgelklang, ganz dumpf, ganz verhalten, ein dunkles, geheimnisvolles Brausen. Dann ist es einem, als ob die alte Zeit wiedergekehrt wäre …

Und ein paar Jahre später. 1774. Das Residenzschloß brennt nieder. Anna Amalia ist obdachlos. Das Belvedere? Ist Sommerresidenz. Hat nicht einmal Öfen. Da bietet Fritsch der Herzogin dieses sein neues Palais in der »Wünschen-Windischengasse«, sie nimmt es dankbar an. Und höfischer Prunk zieht in das einfache, fast bürgerlich bescheidene Haus, das nun den Namen »Wittumspalais« erhält.


So die Historie.

Nun sieht das Wittumspalais heute freilich etwas anders aus, als man es sich in jenen Tagen seines höchsten Glanzes vorstellen darf. Hundert Jahre sind eine lange Zeit, da verändert sich mancherlei.

Damals, als Anna Amalia es zu dem berühmten »Sitz der Musen« machte, Goethe, Schiller, Wieland und viele andere Leute von Rang und Namen dort ein- und ausgingen, lag es in einem großen parkähnlichen Garten, der die ganze heutige Wielandstraße einnahm. Gartenmauer und Stadtmauer waren eins. Ein Aquarell von der Fürstin eigener Hand, jetzt Besitz des Weimarer Vereins »Frauenbildung-Frauenstudium«, zeigt reizend diesen Garten: große schattige Bäume, verschlungene Wege, künstliche Hügel und Grotten. Mitten drin ein Pavillon. Das war der Chinesische Tempel. Da saßen Anna Amalia und die kleine bucklige Göchhausen mit Vorliebe an den letzten warmen Tagen des Jahres, wenn die Astern blühten und die Blätter leise von den Bäumen fielen … Oeser, Goethes Lehrer, hatte ihn à la Chinoise ausgemalt, sehr fein, sehr zart, so etwa, wie das jetzt Orlik oder Walser machen würden, und vielleicht hat hier Goethe den Damen einmal den Urfaust vorgelesen, den die Göchhausen dann, uns zum Heil, so hübsch sauber abgeschrieben hat.