Zwei Wege führen von Weimar nach Tiefurt, beide gleich schön, zumal im Frühling, wenn junges Grün sie säumt. Der eine die Landstraße, die das »Webicht« quert: erst Villen, dann Garten und Feld, schließlich der Wald. Wie oft ist hier der alte Goethe mit Eckermann gefahren, in Erinnerung versunken! Der andere, die »Carolinen-Promenade«, läuft die Ilm entlang.
»Es ist ein äußerst angenehmer Weg,« schreibt 1780 ein junger Theologe, der Herder nach Tiefurt begleitete, »der Ilm nach, durch ein Wäldchen, wo wir meisterlich waten mußten.« Das braucht man heute nun nicht mehr. Man gelangt trockenen Fußes ans Ziel. Aber wenn der Briefschreiber weiter erzählt: »Endlich kamen wir auf eine schöne Wiese, dann wieder ins Holz, dann übers Wasser in den Garten, wo eine kleine chinesische Hütte ist, hinauf auf den Berg, den Knebels Phantasie ausgebildet hat, zu einigen kleinen Altärchen, wo man ins Tal eine schöne Aussicht hat, zu einer Grotte, die Virgils Grab heißt, oben gegen dem Feld am Wald vorbei auf eine hohe Eiche von drei Stockwerken, ordentlichen Altanen, wo eine schöne Aussicht ist und reine herrliche Luft weht«, so kann man der Schilderung eher beipflichten. Nur konnte Herders Begleiter, der ja auch »Tiefort« noch ein »Lusthaus des Prinzen Constantin« nennt, anno 1780 die mancherlei Veränderungen nicht kennen, die der Park nun unter Anna Amalia erfuhr.
Und die aus Wald und Wiese, Fluß und Uferhang, Berg und Tal einen »elysischen Hain« machten. »Faune und Nymphen sollen sich nicht zu schämen brauchen, ihren Aufenthalt darin zu nehmen.« So sie selbst. Knebels Anlagen sind der Grundstock. Nun baut sie, mit Goethe, weiter. Bäume werden gepflanzt, Wege gezogen, Durchblicke geschaffen. Jede Bank erhält ihren Namen, jeder Platz seine tiefere Bedeutung. Ein »Musentempel«, weiß und schlank, steigt reizvoll aus dem Samt der grünen Rasenflächen, die Freunde werden durch Altäre und Urnen gefeiert. Das Ganze schließen jenseits der Ilm Felsterrassen harmonisch ab … ein Theater der Natur, das sentimentalisches Gefühlsklima atmet, Oden und Elegien in Stein, Baum, Boskett tändelnd beleben.
Oder wie die Goethe-Verse auf dem Holzsockel der Wieland-Büste es wollen:
»Wenn zu den Reihen der Nymphen
Die eine Mondnacht versammelt
Sich die Grazien heimlich
Von dem Olympe gesellen,
Hier belauscht sie der Dichter
Und hört die schönen Gespräche
Sieht dem heiligen Tanz
Ihrer Bewegungen zu.
Was der Himmel Herrliches hat
Was glücklich die Erde
Reizendes hervorbringt
Erscheint dem wachenden Träumer.
Dann erzählt er's den Musen
Und daß die Götter nicht zürnen
Lehren ihn die Musen
Bescheiden Geheimnisse sprechen«.
Die ursprüngliche Form der Distichen, die in den Werken als »Geweihter Platz« feierlichere Prägung erhalten haben. Geweihter Platz — das ist ganz Tiefurt. Man wandert von Erinnerung zu Erinnerung, immer die Ilm zur Seite, die mit Glitzerwellchen lustig über Stein und Wurzel dahinströmt. Enten treiben drauf, Blütenblätter, zuweilen hascht Sonne einen Fisch und läßt den schmalen, blanken Leib in kühler Flamme lodern … alles wie anno dazumal, als Anna Amalia hier in weißem Sommerkleid, eine bescheidene Landedelfrau, morgens lustwandelte. Mit Wieland vielleicht, »ihrem guten Alten«. Oder mit Goethe, mit Herder. Vielleicht auch nur begleitet von der »Gnomide«, der Göchhausen, und deren dickem Mops.
Ein Baum, ein Steintisch, eine Büste … wie dürftig! Und doch vollkommenstes Idyll. Idyll auch, ein paar Schritte weiter, die Bank mit dem Amor: Coronas Denkmal. Kein Name verrät, daß es ihr gilt. Aber im Rauschen der Bäume, im leisen Flüstern der Blätter ringsum klingt süß und leise noch heute die Stimme, die sich hier einst so oft im Lied gewiegt. Sie ist Philomele, der die Goethe-Verse der Steintafel huldigen:
»Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen;
Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.
Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle,
Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.«
Niedlich darüber der Amor, ein kleiner Marmorgott. Die eine Hand, die mit dem Pfeile, hat ein Umsturz-Wicht zerschlagen. Nun klagt das Kinderauge, und Philomele, ängstlich in die andre Hand geschmiegt, ist ohne süße Nahrung. Aber wenn der Abend kommt und Flieder und Jasmin stärker duften, aus den Flußwiesen der Nebel steigt, singt sie doch … der ganze Park wird dann ein einziges trunkenes Liebesstammeln.