Wie weit das alles zurücklag!

Österreichisches Militärleben im Frieden mit Fußeisen und Fuchtelhieben, seltsame Zustände in galizischen Garnisonen, dann kriegerische Erlebnisse in der Lombardei, im Stabe Gyulais, Begegnung mit Hackländer, Kriegsdienste in Amerika in einem Regiment, das sich selbst les enfants perdus nannte, weil sich Schiffbrüchige aus aller Herren Länder darin zusammengefunden hatten, dann Tauberbischofsheim und Champigny.

Es läßt sich denken, daß ich begierig zuhorchte, und ich war nicht nur ein aufmerksamer, sondern häufig auch der einzige Gesellschafter des Hauptmanns, von dem sich seine Bekannten meist zurückzogen, wenn er zu trinken anfing.

Einer hielt zuweilen bei ihm aus, ein Fürst W., der als Baron Altenburg in bescheidenen Verhält[pg 118]nissen in Prien lebte. Er war ein gutmütiger Herr, der gerne vom Glanze früherer Tage redete, als er noch Kavallerieoffizier war, und der sich doch in diesem Exil ganz wohl fühlte und regelmäßig mit den Bürgern beim Abendtrunke zusammensaß.

Sie machten es ihm nicht immer leicht, die Kontenance zu bewahren, denn als Fürst ohne Mittel, als Preuße und als alter Offizier stieß er überall an den kantigen Ecken der Priener Ansichten und Manieren an.

In der „Kampenwand“ kehrte er mit Vorliebe ein, und die Höflichkeit meiner Mutter, die ihn trotz seines Inkognitos immer als Durchlaucht anredete, erwiderte er mit ritterlichen Komplimenten gegen das Haus, die Familie und die Persönlichkeit der Frau Oberförster. Wenn sie von der Vorder-Riß und dem König erzählte, hörte er mit der Teilnahme zu, die man dem Treiben und Befinden eines Gleichgestellten entgegenbringt, und er warf Bemerkungen ein, die seine intime Kenntnis des Hofes verraten sollten.

Er hatte immer eine Liebenswürdigkeit im Vorrat.

Meiner jüngsten Schwester, die als Kind eine auffällig tiefe Stimme hatte, prophezeite er eine glänzende Laufbahn als Sängerin, da irgendeine Dame auf oni oder eine Lucca, wie er als alter Theaterhabitué wußte, gleichfalls mit einem Basse behaftet gewesen war.

Auch an mir entdeckte er Ansätze zu glänzenden Eigenschaften, und wenn meine Mutter auch nicht ganz davon überzeugt war, so hörte sie es doch gerne [pg 119]und schätzte die gute Absicht. Er sah gut aus, und selbst in dem Anzuge eines Priener Schneiders wirkte er als vornehmer Herr, und wenn er höchst eigenhändig ein Paar neubesohlte Stiefel vom Schuster heimtrug, sah er immer noch wie ein Grandseigneur aus. Über die unfreiwillige Bescheidenheit seines Lebens verlor er nie ein Wort und übersah die Ungeschlachtheit der Ortsbürger, die sich anblinzelten und anstießen, wenn Seine Durchlaucht dreißig Pfennig als Ausgabenetat für zwei Halbe Bier zurechtlegte.

Eine Bemerkung, die ich darüber machte, wies meine Mutter mit ungewohnter Schärfe zurück, und sie erklärte mir, wie ehrenwert diese Selbstzucht eines Mannes war, der einmal in ganz anderen Verhältnissen gelebt hatte.