IV. (Unvollständig.)

Dresden, d. Mai 1843.

Theuerster, verehrter Freund,

Ihre Huld gestatte mir, zu Ihrem nahen Festtage Ihnen schon heute, „Heil! Glück auf!zuzurufen, und gewiß nehmen Sie mit aller Freundlichkeit die herzinnigsten Wünsche getreuster Anhänglichkeit dahin. — Wenn vordem in seiner Lenz und Blüthenpracht der Mai wiederum die Erde grüßte, und ich mit meinem liebsten Förster hinaus wandelte in die frische verjüngte Welt, da meinten wir immer, die Erde habe sich zur Feier Ihres Lebensfesttages so leuchtend geschmückt, und jede Blume, die unser Auge entzückte, ward im Voraus in den Kranz geschlungen, der Sie erfreuen sollte. Zwanzig Jahre hindurch feierten wir mit Ihnen den Tag an welchem Sie geboren, als das schönste Fest des Jahres, und in unvergeßnem Erinnern stehen jene Tage hell vor meiner Seele, und klingen wie süße Lieder aus einer Zauberwelt in mein verödet Dasein. Denn meine Hand faßt nach keiner Blüthe mehr, die Blumen sind entfärbt und die Kränze zerflattert. Aber unverloren und unversehrt bleibt mir der eine Frühling: die Erinnerung an gute, schöne Stunden! Wie viele solche erwählte Stunden wir Ihnen dankten, wird durch die Tagebücher meines hingeschiedenen Freundes mir immer klarer und lebendiger, und wie theuer Sie seinem Herzen waren, davon geben jene Blätter das treuste Zeugniß.

Seit dem Frühlinge beschäftige ich mich wieder mit Auszügen aus diesen Tagebüchern, welche einen überraschenden Reichthum von Anschaungen aller Art bieten. Nach Ihrem weisen Rathe und freundlichen Wunsche werde ich diesen Fragmenten, welche jedoch eines Zusammenhanges nicht entbehren, die wissenschaftlichen prosaischen Arbeiten ein- und beifügen; wie oft ich bei dieser Arbeit, Ihren hellen Blick, Ihren feinen geläuterten Geschmack, die Sicherheit, die Andern freundlich den rechten Weg zeigt, vermisse, glauben Sie mir gewiß.

Läßt der Himmel diese Arbeit mich noch vollenden, so werden Sie in derselben sich vielfach erwähnt finden; immer in jener Verehrung und Anerkennung, in welcher F. Ihnen ergeben war; auch sind alle diese Mittheilungen von solchem Interesse, daß sie eine gemeinsame, allgemeine Theilnahme nicht entbehren werden, auch ist ihr Inhalt der Art, daß mir kein Zweifel über die Aufnahme und Ihre Zustimmung kommen kann. Um aber in aller Weise beruhigt zu sein, bitte ich Sie über nachfolgendes mir durch einige Worte zu sagen, ob dessen Veröffentlichung Ihnen recht.

Aus dem Tagebuch Juli 1825.

Frohes Wiedersehen mit Tieck, der gesund und heiter von seiner Reise zurückgekehrt — — — — — — Der vor Kurzem in Rom erfolgte Tod des Maler Müller veranlaßte den Freund zu einer Mittheilung deren Inhalt auch einer künftigen Zeit aufbewahrt bleibe. — Zwei verschiedene Werke, über ein und denselben Gegenstand: die heilige Genovefa sind von beiden Dichtern im Druck erschienen; im J. 1799 die großartige Dichtung Tiecks; die Müllersche, welche ein rühmlich Zeugniß eines nicht geringen Talents giebt und theilweise viel Treffliches enthält — war schon 1778 entstanden, wurde aber erst später bekannt. — Die thörigte Behauptung, Tieck habe sein Werk nach jenem geschaffen, fand Glauben, ja ja es giebt noch Kurzsichtige genug, welche von dem Gegentheil schwer zu überzeugen sind, heute wurde darüber mir folgender Aufschluß. Tieck äußerte sich sehr anerkennend über Müller. „Müller“ sprach er: „war ein Mensch von großem Genie; die frische Natur, die lyrische Leichtigkeit seiner Poesie, die echte Genialität in seinen Leistungen, haben mich immer entzückt, und es ist zu beklagen das dies schöne Talent sich nicht dem Studium der Dichtkunst ausschließlich zugewendet. Im Leben war er ein wunderlicher Kauz und nicht leicht mit ihm zu verkehren; seinen Golo und Genovefa, welche so viel Schönes bieten, gab er mir einst in der Handschrift zur Durchsicht mit dem Wunsche, einen Buchhändler dafür zu finden, was ihm bis jetzt nicht möglich geworden; aber auch mir gelang es nicht. — Die schöne rührende Legende, die mich immer so innig angezogen, wurde später von mir bearbeitet, ohne dabei das Mindeste des Müllerschen Werks zu benutzen; nur das Motto wiederholte ich, und das als Reminiscenz, welches mir zu einem Liede Veranlassung gab. Der gute Müller aber entblödete sich nicht, mich eines Eingriffs in sein Eigenthum zu beschuldigen. Um nun jenen thörigten Gerüchten Einhalt zu thun, gab ich selbst die Müllersche ...“ (Hier bricht der Auszug aus dem F.’schen Tagebuche ab, weil das letzte Blatt dieses Briefes, wahrscheinlich durch Schuld des Buchbinders, abhanden gekommen.)

V.