In aller Eile, welche mir die Ausfertigung vieler Pakete nebst Briefen zu diesem zweiten Theile meines Buches, welches morgen versandt werden soll — und auf dessen Beendung der Buchdrucker mich 9 Monate warten ließ —, auferlegt, kann ich doch nicht unterlassen, auch an Sie ein Paar Zeilen zu richten; sonst hatt’ ich mir vorgenommen, einen langen Brief zu schreiben.

Vor allem wollt’ ich mich erkundigen nach jener Abschrift aus einem alten Gedichte von den Heimonskindern, welches Sie mir bei Ihrem Besuche in der Schweiz versprachen. Ich bitte Sie um dessen baldmöglichste Mittheilung sehr angelegentlich, denn ich habe jetzt etwas Muße und möchte alles Ernstes hinter mein poetisches Projekt, die Heimonskinder, gerathen. Gewissermaßen einen Vorläufer, hab’ ich ins Morgenblatt, mit Anfang laufenden Jahres, geschickt: Malegyes und Vivian; es ist aber in Prosa, dazu gar nicht ganz nach meinem Wunsch ausgefallen, da ich die letzte Hälfte, die Geschichte des Vivian, übers Knie abbrechen mußte, wegen des Raums; Cotta ist daran Schuld, der den Anfang der Erzählung, die ich nur vorläufig ihm mittheilte, frischweg abdrucken ließ und so mußt’ ich nolens volens nachhinken. Ich weiß nicht, ob Sie es gelesen, und wüßte sehr gerne, was Sie zu der Anlage des Ganzen, besonders zu der Karakteristik sagten?

Vorgestern hab’ ich Ihres Freundes Solger „Vorlesungen über die Aesthetik“ gelesen, oder vielmehr also ungebunden, d. h. roh, verschlungen, daher noch nicht assimilirt. Vieles aber ist mir keineswegs glatt eingegangen. — So fiel mir seine Ansicht von der Lyrik, die er vorzugsweise und an sich — allegorisch nennt, vor der Hand als willkührlich auf. Mir ist jedes lyrische Gedicht ein Bild des Dichters selbst in der Situation oder den Zustande eines schön Empfindenden, welches denn auch allegorisch behandelt sein kann, aber die Nothwendigkeit solcher Behandlung ist mir rein unabsehbar. — Auch mit seiner Theorie des antiken Drama’s konnte ich mich noch nicht befreunden. Wohl für einen christlichen Zuschauer, aber nicht für den heidnischen Helden, welcher tragisch untergeht, kann sein Untergang eine Verherrlichung des offenbarten Göttlichen und ihm ein Opfertod sein; dem griech. Volksglauben ist ja das Leben heiter, und gerade die Existenz, welche vernichtet wird, ist das erfreuliche, nach dem Tode trauriges Schattenleben. Einleuchtend freilich ist, warum das Schicksal die Gräuel rächt, unangesehen die persönliche Schuld oder Unschuld des Thäters, und so ist das Schicksal als gerecht allwaltend erhaben und erhebend; denn in der plastischen Schönheit, im schönen Ebenmaaße, besteht dem Griechen die Idee, das Schicksal stellt das verletzte Ebenmaaß her; für den Griechen ist das bewußte Fest- und Heilighalten dieses Ebenmaaßes Gebot des Sittengesetzes und des Menschen Tugend und Religion. — Die Heiterkeit der Griechen kann ich mir nie anders erklären denn instinktartig, wie die Natur die Auszehrenden heiter und hoffend sein läßt.

Unvermerkt merk’ ich, komm ich ins Briefschreiben. — Wie sehr hätt’ es mich gefreut, Sie, laut halbem Versprechen, diesen Sommer wieder in der Schweiz zu sehen! Ihre Erscheinung war mir überaus wohlthuend und die Erinnerung noch so heiter!

Erfreuen Sie mich, ich bitte sehr, doch bald mit Uebersendung des versprochenen Mspts!

Hochachtungsvoll

Ihr

ergebenster

A. A. L. Follen.