Hochverehrter Herr!

Ihre vor zwey Jahren mir bewiesene Güte giebt mir den Muth einen, seit länger Zeit schon gehegten Wunsch vor Ihnen auszusprechen. Ich war so glücklich mich Ihres Rathes bey dem Einstudiren des Wallensteins zu erfreuen. Was ich in dieser Rolle leiste haben Männer, deren Urtheil ich achte, zum Beyspiel Rochlitz, wenn auch noch nicht vollkommen, doch nicht mißlungen genannt. Meine Darstellung dieses Charakters auf der von Ihnen gegebenen Ansicht beruhend, von Ihnen selbst geprüft und beurtheilt zu wissen ist der Wunsch, den ich, nicht ohne die Furcht Ihnen lästig zu werden, Ihnen vortragen möchte: — Der Gesundheitszustand eines meiner beyden Kinder macht mir im Frühjahr dieses Jahres, in welchem ohnehin unser Theater wegen nöthiger Baureparaturen geschlossen wird, eine Reise nach Töplitz zur Pflicht, diese führt uns durch Dresden, wo wir auf jeden Fall uns einige Tage verweilen werden, um uns des Glückes Ihrer Nähe nach einer Entbehrung von 2 Jahren wiederum zu erfreuen, und wäre es den Verhältnißen Ihrer Bühne anpassend, so wünschten wir, meine Frau und ich auf derselben nur einige Gastrollen und unter diesen Wallenstein und Thekla vor Ihren Augen zu spielen.

Ich hoffe Verzeihung für mein Anliegen, auch wenn Sie es mir versagen, indem ich mich dankbar der Zeit erinnere, wo Sie mir vergönnten in Ihrem Familienzirkel die schönsten und genußreichsten Stunden meines Lebens zu verbringen. — Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und den verehrten Ihrigen, und ich bin mit ausgezeichneter und wahrer Verehrung

Euer Wohlgeboren

ergebenster Ed. Genast.


Gerle, W. A.

Professor am Prager Konservatorium, von seinen Freunden kurzweg: „Wagerle“ genannt; ein Scherzname, der die Entstehung dem lustigen Lustspieldichter W. von Marsano — vor etlichen und vierzig Jahren Lieutenant in Prag, jetzt (1864) pens. Feldmarschall-Lieutenant in Görz verdankt. Gerle war ein fleißiger, bescheidener Mann, der mit seinen poetischen und litterar. Produktionen niemals entschieden durchdrang, und immer nur so viel Glück und Freude daran erlebte, daß es hinreichte, um zu neuen Versuchen angeregt, ihm Täuschung und Aerger zu bereiten. Alt, einsam und lebensmüde hat er (1846? 47?) den Tod in dem Fluthen jenes Stromes gesucht, in welchen von der berühmten Prager Bruck der heilige Nepomuck hinab gestürzt wurde. — Ihm ist keine Bildsäule errichtet worden, obwohl auch er ein Dulder war. Deshalb wollten wir seiner gedenken. Und solche gute Absicht diene der Aufnahme unbedeutender Blätter zur Rechtfertigung. Hat er doch unsern Tieck geliebt!

I.

Prag 19. Juny XIX.