Ueber mein etwaiges Talent zur Bühne wage ich mich nicht weiter auszulassen, weil ich dabei zu leicht in den Schein der Selbsthudelei verfallen möchte: ich versichere nur ganz einfach, daß ich meine Stimme ohne Anstrengung vom feinsten Mädchendiscant bis zum tiefsten Basse moduliren kann, und daß der höchste Tadel, welchen man in Gesellschaften über meine Darstellung aussprach, darin bestand, daß ich die Charactere beinahe zu scharf und eigenthümlich aufgriffe und im Tragischen den Zuschauer zu sehr erschreckte. Auch lautet es läppisch, aber ich muß es doch sagen, daß ich in dem Augenblick keine Rolle wüßte, die ich mir nicht binnen zwei Wochen zu spielen getraute; mindestens zweifle ich nicht, daß, wenn ich z. B. den Hamlet oder Lear gut sollte darstellen können, ich den Falstaff oder Dupperich nicht weniger gut agiren würde; ja es scheint beinahe, als vermöchte nur diese Allgemeinheit mein Gemüth in steter Frische erhalten. Da ich aus Westphalen bin, wo man das Hochdeutsche im Gegensatz zum Plattdeutschen um so reiner ausspricht, und da ich noch dazu drei Jahre lang in Leipzig und Berlin auf meine Mundart geachtet habe, so brauche ich wegen meines Dialekts wohl nicht bange zu seyn.
Wie gerne ich übrigens klein anfangen und mich in alle Schranken fügen werde, kann ich Ihnen nicht genug versichern, und wenn Sie nun gar sich herablassen wollten, mich während dieser Zeit der Niedrigkeit bisweilen Ihrer Belehrung zu würdigen, so hätte ich Ursache, der gesegnetsten und einflußreichsten Periode meines Lebens entgegen zu blicken. Und bekäme ich auch nur eine Gage von 200 rthlr., so würde ich in diesem Falle selbst den reichsten Banquier in Deutschland nicht beneiden. Aber leider! leider! — ich zittere, indem ich es niederschreibe, und ich würde es nimmer thun, wenn es sich nicht um Alles handelte — muß ich Sie ersuchen, mir, wenn es möglich ist, wenigstens mit einem einzigen Worte und zwar — — mit der nächsten Post zu antworten. Sie können ja von Ihrem Bedienten bloß das Wörtchen „Hoffnung“ oder „wahrscheinliche Anstellung“ in den Brief schreiben lassen, — es soll mir genug seyn, und ich weiß dann doch, wie ich mich hier zu verhalten habe. Auch verlange ich ja gar nicht Gewißheit, sondern nur die Aussicht, ob ich in Dresden, wenn ich mich als solchen bewähre, wie ich mich in diesem Briefe darstelle, vielleicht ein Unterkommen, bei dem ich nicht zu Grunde gehe, finden kann. — Nebenbei liegt ein Brief von dem Herrn Professor Wendt, welcher mich auf Ihre gütige Empfehlung sehr freundlich empfing; den Herr Dr. Wagner habe ich bis jetzt noch nicht treffen können. — Ich stürze für Sie in’s Feuer.
Ihr
gehorsamster Ch. D. Grabbe.
(Addresse: Fleischergasse, nro. 241.)
II.
Detmold den 29sten Aug. 1823.
Hochwohlgeborner Herr!
Verehrtester Herr Geheimrath!
Ihrer ausgezeichneten Güte bin ich die drei schönsten Monate meines Lebens schuldig, und selbst auf die Gefahr Sie zu langweilen, bin ich verpflichtet Ihnen Rechenschaft aus der Ferne zu geben. Ich reis’te natürlich ein wenig trübe von Dresden ab, und kam so nach Leipzig, wo ich mit mehreren Jugendfreunden die letzten Blüthen der Erinnerung abpflückte. Ermuthigt durch den Gedanken an Ewr. Hochwohlgeboren trat ich nachher in Braunschweig vor Klingemann, und die Schonung und Humanität, mit welcher Sie mich behandelt hatten, war einer der Trostgründe, welche mich aufrecht erhielten, als mir die Anstellung abgeschlagen wurde. Gewiß bin ich es zum größten Theil Ihrem Beispiele schuldig, daß mir die dasige Theaterdirection eins meiner Stücke mit 30 rthlr. abkaufte, welche mich in den Stand setzten, nach Hannover zu eilen und mich dort zu erbieten, von der Pike auf an der Bühne zu dienen. Aber leider war der Freiherr Grothe eben nach Süddeutschland gereis’t, und ich konnte auf der Stelle keine sichere Antwort erhalten. Ich hielt für meine Pflicht, nicht länger das Geld auf’s Ungewisse hin im Gasthause zu verzehren, sondern zu Fuße einige Thaler zu meinen Eltern zu tragen. Mich ergriff’s wie ein Krampf, als ich über die schwärzlichen Berge meiner Heimath, dem traurigen Wiedersehen entgegen klettern mußte. Doch genug von allem, — ich habe kein Recht, Sie an meiner Lage Theil nehmen zu lassen — sie ist zu abscheulich. — Bisweilen habe ich die Idee, mich nach Bremen zu dem neu entstehenden Theater zu wenden, aber wie darf ich solche Reise auf Wagniß unternehmen? — Könnten Ewr. Hochwohlgeboren mich zu irgend einem Geschäfte gebrauchen, welches anderthalb hundert Thaler einbrächte, so wäre ich erlös’t und glücklich. Vielleicht hätte ich dann bald Gelegenheit mich weiter empor zu bringen, oder zum wenigsten könnte ich sie doch abwarten.