Lieber herzlich verehrter Tieck! Sie erhalten die beyden ersten Hefte meiner Zeitung; es würde mir Freude machen, wenn Sie nicht mißbilligten, was mir nach ruhiger Uebersicht wohlgefällt; wie lange ich die ganze Sache fortsetze hängt von dem Absatze auf dieser Messe ab. Pr. L’Epigue gab mir den Müller, der ritterlich thätige Schluß des Stücks veranlasste mich besonders zur Mittheilung, es perlt darin wie im siedenden Wasser und er vergleicht sich darin so leicht mit der ruhigen Erhebung, in welcher ihr Werk schliest. Brentano, der seit einiger Zeit zu mir gezogen und seine Frau zu einem Prediger aufs Land geschickt hat, wird ins nächste Heft ein gar lustiges Werklein, die Geschichte des Bärenhäuter einrücken, er ist fröhlicher als je und wünscht Sie hieher laden zu können, nur stehen die äusseren Verhältnisse schwankend und wie lange der alte Großherzog lebt und wie früh französische Oekonomie eingeführt wird, dem sehn wir wie der Ratiostatus mit zwey Köpfen entgegen. Ich wohne mit Clemens in einer Bierkneipe am Schloßberge, Kegelbahn und Vogelgesang, Nachts singende Waschweiber und fernes Neckarrauschen um uns, und der schöne Himmel verschlingt uns in Trägheit. Die Zeitungen sagen von einem Romantischen Journale, das Sie herausgeben, ich freue mich dessen, es muß den Bienen der Honig genommen werden, daß sie wieder arbeiten und ich bescheide deswegen meine Bitte um Beyträge von Ihnen noch nicht; Görres Untersuchungen über die Nibelungen finden Sie fast beendigt, von Grimm erwarte ich schöne Resultate; es geht so unendlich viel zugrunde, lassen Sie Ihre Untersuchungen nicht darum schweigen, weil der eine oder andre vielleicht schon einiges davon berührt hat. — In wenigen Tagen bin ich in Winkel bey Brentanos. — Meine Ergebenheit Ihren Hausgenossen, hochachtungsvoll
Achim Arnim.
Eben erhalte ich einen Brief von Hagen, der mir schreibt, daß er zu den Nibelungen Ihre Unterstützung erhalten, es freut mich dies glückliche Verständniß, es scheint jetzt ein allgemeiner Sturm zu werden gegen die tückische Bosheit falscher Kritik. Sind wir nur erst im Graben, ich stehe dafür der Wall, der so entsetzlich aussieht ist nichts als der Unrath der Garnison, den sie so regelmässig aufgestapelt hat.
Arnim, Bettina v. geb. Brentano.
Achims Gemahlin, Enkelin der Sophie La Roche, Clemens Brentano’s Schwester, geb. zu Frankfurt a. M. 1785, gest. zu Berlin 1859.
„Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“ führte sie zuerst in die größeren Kreise der deutschen Lesewelt ein. Vielleicht lassen sich in den hier mitgetheilten an Tieck gerichteten Briefen leise Spuren entdecken, daß es nur an seiner Schreiblässigkeit lag, wenn wir nicht auch Seinen Briefwechsel mit jenem Kinde besitzen? Ein Kind ist Sie geblieben, bis in’s Alter, bis in den Tod. Aber gewiß ein hochbegabtes, ein Wunderkind. Mögen auch ihre späteren Schriften: die Günderode (1840) — dies Buch gehört dem Könige! (1843) — Ilius Pamphilius und die Ambrosia (1848) — in ihrer Wirkung auf’s Publikum jenes ihr erstes Buch bei Weitem nicht erreicht haben; merkwürdig sind sie doch, und zwischen Seltsamkeiten und Absonderlichkeiten blickt immer ein tiefgewaltiger Geist, ein reiches Herz, ein hoher Sinn für alles Große und Wahre daraus hervor. Die Sehnsucht zu gestalten beunruhigte sie und lockte sie aus den Grenzen, die herkömmliche Ansicht weiblichen Autoren zu ziehen pflegt. Sie erscheint bisweilen dem erstaunten Leser gleich einer Bildnerin, welche nur den Reichthum des Stoffes nicht zu binden, die Form nicht zu beherrschen gelernt. Ihre Phantasie ist mächtiger als der ordnende Verstand.
Ihre größte Dichtung dürfte deshalb im Gebiete der Plastik gesucht werden. Wenigstens hat ein Mann, dessen Urtheil über Sculptur — mag er daneben noch so sehr General, Diplomat, Historiker, Archäologe, Numismatiker und Poet sein! — dessen Urtheil, wie gesagt entscheidend ist, unverholen seine anerkennende Bewunderung ausgesprochen über Bettina’s Goethe-Monument: Prokesch-Osten nennt das plastisch entworfene Modell zu dieser grandiosen Idee ein erhabenes Vermächtniß. — Wer wird als Erbe eintreten?