Bemerkenswerth ist auch noch eine von ihm im Jahre 1846 herausgegebene Sammlung von „Denkwürdigkeiten der vornehmsten Schauspieler, die in Shakspeare’s Stücken mitgewirkt.“
Am meisten bekannt gemacht, wiewohl leider in einem unrühmlichen Sinne, hat sich aber Payne Collier durch seine im Jahre 1852 erschienenen:
„Notes and Emendations to the text of Shakspeare’s Plays, from early manuscript corrections in a copy of the Folio, 1662, in the possession of J. Payne Collier.“
In diesem Buche werden über fünfzehnhundert wichtige Correkturen des Shakspeare’schen Textes mitgetheilt, die der Herausgeber in einem zufällig in seinen Besitz gekommenen Exemplare der Folio-Ausgabe des Dichters von 1632 gefunden haben wollte, und zwar war als dieser „alte Korrektor“ ein gewißer Thomas Perkins bezeichnet, der zur Zeit Shakspeare’s bereits gelebt und seine Verbesserungen zum Theil nach eigener besserer Kenntniß des Textes und zum Theil nach Mittheilungen gemacht haben sollte, welche ihm von Schauspielern der Shakspeare-Aera gemacht worden waren.
In England wurde von P. C. selbst eine neue Ausgabe Shakspeare’s mit den Emendationen des alten Correktors veranstaltet, und in Deutschland fanden sich gleichzeitig zwei Uebersetzer „des wichtigen Ergänzungsbandes zu allen Uebersetzungen Sh’s“ in den Herren Julius Frese und F. A. Leo.
In England und in Deutschland wurden zwar sofort sehr gewichtige Zweifel an der Echtheit und Einwendungen gegen die Richtigkeit der gedachten Korrekturen erhoben: in England durch Knight, Singer und Dyce, und in Deutschland (1853) durch Nicolaus Delius, den Herausgeber der vortrefflichen deutschen Ausgabe von Shakspeare’s Werken in englischer Sprache. Das Publikum ließ sich jedoch sechs bis sieben Jahre lang durch die Autorität Colliers täuschen und kaufte seinen verballhornten Shakspeare, bis endlich im Jahre 1859 die Kontroverse, die sich in England und Deutschland erhoben hatte, durch eine gründliche Untersuchung der berufensten Sachverständigen entschieden wurde, an deren Spitze Sir Frederick Madden Oberaufseher der Manuscripte des britischen Museums stand und denen sich die gelehrten Archivare Englands, die Beamten des Master of the Rolls, angeschlossen hatten.
Diese Untersuchung an dem sogenannten Perkins-Folio selbst, das inzwischen durch P. Collier für hohen Preis an den Herzog von Devonshire verkauft worden war, hat ergeben, daß sämmtliche Korrekturen in diesem alten Buche eine neuere Fabrication seien. Man entdeckte, daß Jemand mit Bleistift sämmtliche Korrekturen vorgezeichnet hatte, worauf sie dann mit Dinte in einer englischen Fracturschrift des siebzehnten Jahrhunderts übermalt worden. Man ermittelte, daß die Bleistift-Vorzeichnungen von P. Colliers Handschrift, daß an einzelnen Stellen die Korrekturen wieder ausgewaschen waren, und daß die Worte „Thomas Perkins his booke,“ die auf dem Deckel des Buches stehen, in einer ganz anderen, neueren Handschrift als die des 17. Jahrhunderts geschrieben seien. Das Protokoll dieser Ermittelungen ist sowohl von einem der Bibliothekare des Britischen Museums, Herrn Hamilton, als von einem englischen Kritiker, C. Mansfield Ingelby, in einem ausführlichen Werke „A Complete View of the Shakspeare-Controversy“ publizirt worden.
Aus dem letztgedachten Werke ist zugleich ersichtlich, daß auch die früheren Publicationen Payne-Colliers über Shakspeare zum Theil gefälscht seien. Leider ist jedoch ein Theil der sogenannten „Thatsachen aus Sh’s Leben,“ die P. C. ermittelt haben wollte, wie z. B. seine wachsende Betheiligung bei den Theater-Unternehmungen in London, bei dem Pagen-Unterricht am Hofe Jacob’s I. &c. in alle neueren Lebensbeschreibungen des Dichters übergegangen, und auch von deutschen Autoritäten sind sie noch in neuester Zeit vielfach nacherzählt worden, so daß wir selbst in den besten Biographieen des „Schwans vom Avon“ einen fast unentwirrbaren Knäuel von Wahrheit und Dichtung vor uns haben.