wohlwollendes Schreiben an mich aus Pillnitz habe ich hier erhalten, und danke ergebenst für den Antheil, welchen Sie dem Monaldeschi geschenkt haben. Es war mir von allergrößtem Interesse, daß dies Stück gerade Ihnen, Excellenz, Theilnahme abgewinne, weil mir die Aufführung desselben auf keiner Bühne so wünschenswerth scheint, als auf der Ihrigen. In Deutschland nämlich ist jetzt keine, welche so gute Mittel dafür besäße, sei’s im Personale wie im Dekorativen. Emil Devrient ist für die Titelrolle einzig. In Berlin und München hält es zum Beispiele sehr schwer mit der Besetzung, nur Stuttgart, welches die Herbstsaison nächsten Monat mit meinem Stück zu beginnen gedenkt, bringt eine der Dresdner sich annähernde gute Übersetzung der Rollen in Menschen zu Stande. Nun haben mir Excellenz zwar in Ihrem Schreiben nicht eben gar viel Hoffnung gemacht für Annahme des Stücks von Ihrer Seite, weil Ihnen einige Situationen bedenklich scheinen, Sie haben mir indessen die Aussicht nicht benommen. Erlauben Sie nun, daß ich dringend um einen geneigten Spruch bitte. Fürst Pückler, ein lebhafter Gönner des Monaldeschi, ersucht Excellenz unbekannterweise, seine eben dahin gerichtete Bitte mit der meinen vereinigt anzunehmen. Das Kecke in den Situationen ist doch anderwärts für kein Hinderniß der Aufführung erachtet worden, an einigen Orten wohl auch für eine Empfehlung des Stücks, das Auffallende in den Ausdrücken ist zu streichen, und ich gebe das Stück ganz und gar der Konvenienz preis, welche jede Bühne je nach ihren Rücksichten zu nehmen hat, gut Wirksames streicht doch keine kundige Direktion. Ew. Excellenz aber werden mir zugestehn, daß es fast unmöglich ist, unsre brach liegende dramatische Poesie zu fördern, wenn man an neue Stücke mit so speciellen Forderungen ginge, daß sie um einiger kecken Situationen willen zurückgewiesen würden. Unser Vorrath an neuen Originalstücken müßte wohl reichlicher sein für so strenge Auswahl, als er in der That ist, und die Herren, welche der produktiven Poesie gegenüber eine so wichtige Position einnehmen, wie die Intendanten der besten Bühnen des Vaterlands wären dann allerdings dem Vaterlande verantwortlich für die Aufmunterung oder frühzeitige Verurtheilung dramatischer Schriftsteller. Eurer Excellenz Brief sagt dem Monaldeschi zum Beispiele so viel Gutes nach, daß man als Literarhistoriker den logischen Grund schwer herausfände, um deswillen das Stück doch nicht gegeben würde, und ich fürchte, wenn Excellenz nicht ein Übriges thun, so wird es eben doch nicht gegeben, weil man sich gewöhnt hat, Theaterstücke wie diplomatische Handlungen anzusehn, und neuen Stücken nicht nachzusehn, was man alten Stücken unbedenklich nachsieht. Ermessen Sie Excellenz, wie niederschlagend es auf den Autor wirkt, aus Gründen eine lange Arbeit abgewiesen zu sehn, aus Gründen, die dem Autor fast immer unverständlich bleiben. Ich zum Beispiele bin, den Monaldeschi schreibend, mit vollen Segeln an die Bühne gegangen, und ich raffe ein Segel nach dem anderen ein, und ich ziehe mich zuverlässig von einem Meere zurück, das mit so viel Klippen der Rücksicht droht, Rücksichten, die man beim Schreiben für den Druck nicht zu nehmen braucht, Rücksichten, die man nicht nehmen lernt, weil man eben gleich von vornherein abgewiesen wird, und nicht zur Übung kommt. Und ich kann Ew. Excellenz nicht ausdrücken, wie schwer Einem das wird, eine Richtung aufgeben zu müssen, für die man sich Talent zutraut, und für die Einem nun die Phantasie Pläne auf Pläne zudrängt, desto reichlicher, je bestimmter man weiß: Du schreibst sie doch nicht.
Finden also Excellenz, daß ich nicht Verurtheilung, sondern Ermuthigung verdient, so seien Sie mir ein milder Richter: bei späteren Stücken ist ein Réfus nicht so entscheidend für eine ganze Laufbahn, wie beim ersten. Erlauben Sie mir, daß ich bei meiner Rückreise nach Leipzig in Dresden bei Eurer Excellenz anfrage, ob ich persönlich aufwarten und mündlich ausdrücken darf, mit welcher Ergebenheit und Achtung ich bin und verharre
Eurer Excellenz
bereitwilliger Diener
Dr. Heinrich Laube.
Lebrün, Karl.
Geb. 1792 in Halberstadt, gestorben 1842 in Hamburg, wo er, nachdem sein Talent und seine Redlichkeit ihm die allgemeine Hochachtung erworben, zehn Jahre lang Mitdirektor des Stadttheaters gewesen und erst einige Jahre vor seinem Tode zurückgetreten ist. In seinem Fache unbedenklich einer der besten deutschen Schauspieler; dabei unterrichtet, fein gebildet, für alles Gute begeistert, an Gemüth wie an Verstande reich, wohlwollend und wohlthätig, das Muster eines Familien-Vaters in fast allen Beziehungen, unterlag er doch einer Schwäche, und wurde dadurch sehr unglücklich. Er, der ordentlichste, bürgerlichste, solideste Mensch, den es je beim Theater gegeben, hatte sich, wie er auf dem Höhepunkt künstlerischen Rufes stand, daneben den Ruf der Trunksucht zugezogen, und es läßt sich nicht leugnen, daß mancherlei Ereignisse dieses traurige Gerücht bestätigten. War es doch schon so weit gediehen, daß er auf offener Scene taumelnd die Darstellung gestört und lauten Unwillen erregt hatte. Der Direktor des Hamburger Stadttheaters, der Kollege eines Schmidt, der Nachfolger Herzfeldt’s — Schroeders!! — Man begehrte für öffentlichen Skandal auch öffentliche Sühne: er sollte von den Brettern Abbitte thun. — Armer Lebrün! Wie muß dein Stolz sich innerlich empört haben gegen diese Demüthigung! — Er unterwarf sich mit männlicher Entsagung. Aber wie er vor dem übervollen Hause erschien, da ließen sie ihn nicht zu Worte kommen; sie ersparten ihm die Buße, und unterbrachen schon bei den ersten Silben den Liebling mit lauten Zeichen des alten Wohlwollens. Die braven Hamburger, die immer das Herz auf dem rechten Flecke haben, sie wußten ja, wie unschuldig Lebrün doch eigentlich an dem sei, was er verschuldet hatte! — Es stand ganz eigen um diesen Mann. Klar, verständig, mäßig, Herr des Wortes wie des Gedankens, anmuthig beredt, belehrend, empfänglich, inneren Werthes bewußt und dennoch bescheiden, — so zeigte er sich einem Jeden, der ihn besuchte, der ihm auf Geschäftswegen begegnete. Eine halbe Stunde nachher traf man ihn zufällig wieder.. und erkannte ihn kaum, denn er mengte mit schwerer Zunge leeres, breites Geschwätz durcheinander. Und was hatte er unterdessen begonnen? Was hatte ihn verwandelt?.... Er hatte sich verlocken lassen, weil es neblicht und kalt war, den sogenannten „Apothekerschnaps“ zu nehmen. Ein kleines Gläschen... und er war nicht mehr er selbst. Dann kehrte er noch zwei- — dreimal ein... immer nur naschend, und für solchen Tag blieb er sich und den Freunden so gut wie verloren.
Als er, krank und schwer leidend seinem Berufe entsagend, an’s Zimmer gefesselt, als die stets bewegliche Regsamkeit gelähmt war, da hat er kein Bedürfniß mehr gefühlt, sich durch Getränke zu stimuliren. In sanfter Würde, heiter bei Schmerzen, hat er die letzten Lebensjahre nur geistiger Thätigkeit gewidmet.