Mich über Ihre Vorrede so auszusprechen, wie ich es gern möchte und sollte, wird mir schwer. Aber kaum kann es anders seyn bei einem Werk, welches so manche eigne Gedanken bestätigt, aber auch erst zur Klarheit bringt, dann so viel Neues aufschießen läßt, und so viel zu denken giebt. Die Mitte zwischen der in unserm eignen Gemüthe liegenden Basis zu einem solchen Gedankenwerk, und diesem uns von einem andern Geiste dargereichten Werke selbst, ist eine unendliche, und wir müssen tief in unser eignes Selbst schauen und steigen, um sie recht zu erkennen und festzuhalten, und doch ist sie die nothwendige Bedingung zu einem activen, praktischen Verständniß, welches ich im möglichst prägnanten Sinne meine. Gegen Ihre Darstellung scheint mir Alles, was bisher über das Verhältniß Göthes zu alter Poesie und Litteratur gesagt ist, oberflächlich, und dieses Gefühl erstreckt sich denn bald auf die ganze Litteratur. Mit dieser Leuchte muß man überall Schätze graben. Man kannte bisher, meine ich, nur den Gegensatz zwischen dem schmiegsamen Talente, sich die Form und den Gegenstand anzubilden ohne schöpferische Originalität, und der formlos ringenden Kraft, welcher sich dann in der Durchdringung von Stoff und Form aufhebt und lös’t, aber dieser von Ihnen aufgestellte Gegensatz zwischen der Form, die in kunstvoller Vollendung von dem Geiste gebohren und durchweht ist, und derjenigen, welche vaterländisch, im höchsten Sinn, sich gestaltet und wirkt, ist neu, und hier ist ein Ton angeschlagen, der unsere ganze Kenntniß, das ganze Studium der Poesie durchbeben muß, und zu überraschenden Resultaten führen wird. Wie in der, soll ich sagen dialogischen oder dramatischen Form die ganz verschiedenen Anfangs- und Anknüpfungspuncte zu demselben Ziele oder derselben Mitte führen, ist trefflich. Der freilich sehr schwierige Punct von dem Übergange in das Reflectirende, Sentimentale, Weiche, wo die Poesie zugleich Sünde und Glaube, zugleich Abfall und Ringen nach dem verlohrenen Urquell ist, ist am wenigsten klar gemacht, und ich weiß nicht, ob ich Sie ohne ein ehemaliges Gespräch über den Euripides recht verstanden hätte. Dieser Punct ist aber für Ihre Theorie oder System, wenn ich es so nennen darf, von der höchsten Wichtigkeit, und ich ahnde in ihm den eigentlichen Schlüssel dazu. Denn aufzuschließen ist hier noch manches; Klarheit und Verständniß haben verschiedene Grade. Nun aber kann ich mich auf meine Weise der trüben Betrachtung nicht enthalten, daß diese trefflichen Gespräche und Reden die gebührende Anerkennung nicht finden werden. Nicht ohne wahren Schmerz habe ich Hegels Recension von Solgers Nachlaß, die doch nichts als ein plumper und hämischer Angriff auf Sie ist, gelesen. Müllner und Consorten, das ganze schlechte Volk, wird sich eines solchen Alliirten freuen. Ich weiß wol, daß das Wahre, Herrliche durchdringen wird und die Oberhand behalten, aber ich möchte so gern erleben, daß das Gebührende geschieht, und wenn ich mich nach recht vielen sympathisirenden Herzen sehne, gewährt mir die Appellation an die Nachwelt wenig Befriedigung. Sie wundern sich keine ordentlichen Recensionen Ihrer Werke in den Litt. Zeitungen zu lesen. Kennen Sie denn die Tactik dieser Blätter nicht, was man nicht aufkommen sehn möchte, gar nicht zu besprechen, auch nicht einmal tadelnd? Zulezt finde ich in meinem Unmuthe darüber Trost und Beruhigung in der ungetrübten Heiterkeit mit der Sie, unberührt von aller der Leidenschaftlichkeit und Gleichgültigkeit, Ihren Gegenstand behandeln für eine kleine Gemeinde von Verehrern und eine noch kleinere von Verstehenden. Fahren Sie nur so fort, und beschämen Sie Ihre Gegner recht bald durch die Erfüllung alles von Ihnen Verheißenem.

Wenn indeß diese Ihre neueste Arbeit über Göthe weniger Leser findet, als sonst der Fall gewesen seyn würde, so sind Sie selbst nicht ganz ohne Schuld. Wer sucht dergleichen hier, wo bloß eine Vorrede zum Lenz angekündigt ist? Warum geben Sie nicht gleich etwas mehr, oder auch nur dieses, als ein abgesondertes Schriftchen, vielleicht unter dem Titel: Fragmente über Göthe? Auf jeden Fall sollten Sie es bei Reimer bewirken, daß er die Vorrede unter was auch für einem Titel abgesondert giebt, damit die Leute sie nur lesen. Und eben so sollte es Max mit der Vorrede zur Felsenburg machen. Käufer würden sie genug finden, die Bücher selbst halten die Meisten für eine ihnen uninteressante Zugabe.

An Ihrer Anzeige von der Erscheinung der sämmtlichen Werke habe ich, Ihrem Auftrage gemäß, Einiges, nicht ohne die Scheu mit Mühe zu überwinden, geändert. Nur finden Sie meine Redaction in der gedruckten Anzeige nicht ganz wieder, denn Reimer hat sich einige ganz willkührliche Änderungen erlaubt.

Meine Bitte wegen des jungen Componisten haben Sie vergessen. Ich erlaube mir, sie Ihnen nochmals in Erinnerung zu bringen.

Die Weltgeschichte wird mir noch viele Zeit kosten. Dann soll ein Compendium der Allg. Geschichte für den historischen Unterricht auf Schulen kommen: erst dann kann ich an die Geschichte von Frankreich für die von Perthes veranstaltete Sammlung geben. Alles dieß nöthigt mich, meine Kräfte zu concentriren, nur für diese Zwecke zu leben, zu excerpiren, zu arbeiten, und vorläufig wenigstens alle Nebenarbeiten für Journäle bei Seite zu legen. Darum kann ich auch an keine Recension von Wolfgang Menzel denken; ich bin noch nicht einmal dazu gekommen, das Buch zu lesen.

Hierin ein Catalog und eine Rechnung. Ich habe für Sie nun zusammen 7 Thlr. 17 Sgr. ausgelegt. Davon gehn 1 Thlr. 11 Sgr. Ihre Auslagen ab, bleiben 6 Thlr. 6 Sgr. Diese habe ich auf Sie angewiesen.

Nun leben Sie wohl, und schreiben Sie mir in jedem Falle noch vor Ihrer Reise, und die Zeitbestimmung über dieselbe. Empfehlen Sie mich den Ihrigen, und behalten Sie lieb

Ihren Freund

Loebell.

IV.