Ihr
Ernst Malsburg.
II.
Cassel, 21. März 1831.
Mein geliebter theurer Freund!
Die Vorwürfe, die Sie mir Alle so schelmisch gemacht haben, will ich diesesmal nicht hören; wehe Ihnen aber, wenn Sie dieses Opfern meiner Zartheit nicht anerkennen und mich zwingen, Sie vielleicht Jahre hindurch mit meinen Vorwürfen zu plagen. Doch wer weiß, ob sich Ihrem hoffentlich wieder ganz geschmeidigen, des Eisenpanzers entledigten Händchen nicht vielleicht etwas mehr als das mir so wohlthuende Salve entringt, ob Sie nicht denken, ich sey im italienischen Dörfchen, Sie hätten ein Buch nöthig und schrieben mir ein Billet? denn mehr verlange ich ja wirklich nicht. Aber ein Billet, einen noch so kurz aufgeschriebenen Gruß halte ich für ganz unerläßlich; ich lasse Ihnen sonst kein einziges Buch mehr in der Auction.
Ich weiß gar nicht wie es kommt, daß ich auf einmal so ganz launig schreibe. Sie werden mich für sehr fröhlich halten, und ich bin gerade das Gegentheil; ich denke mich aber jetzt so lebhaft zu Ihnen hin, wo Sie alle fünf um das Ölkrüglein von Sarepta sitzen, und da kommt es mir vor, als scherzten wir miteinander. Ich höre Ihren Ton und sehe Ihre Mienen, mit denen Sie mich gern ein wenig ärgern möchten und doch nicht können. Lassen Sie mich immer mich so einträumen, es ist mir ein süßer Genuß, nachdem ich die Brieffaulheit überwunden habe.
Cassel ist wie ein großes weites Grab; alle die schwarzbeflorten Männer, die langschleyerigen Frauen scheinen nur zerstreute Bestandtheile eines Leichenzuges, und kein Gespräch wird geführt, das nicht Tod und Beerdigung und alle Folgen davon zur Basis oder zum Resultat hätte. Für mich und die Meinigen ist dies Alles in doppeltem Maße schwermüthig; die natürliche Theilnahme, die wir überall finden, die mitfühlende Art, womit Jeder, den wir sehen, die Landestrauer mit unsrer Familientrauer verbindet, thut indessen auch wieder wohl. Überall muß ich es auch anerkennen und bewundern, wie Gott jedem zu trüben Eindruck irgend eine Linderung oder Zerstreuung beygesellt; ich fühle es deutlich, daß der unbeschäftigte Schmerz aufreibend seyn würde. Meine Furcht vor dem ersten Eintritt in unser hiesiges Haus, an dessen Schwelle ich meinem theuern Todten zum letztenmal die Hand geküßt habe, wurde zum großen Theil durch das liebevolle Entgegenkommen meines Vaters, meines Bruders und aller Hausgenossen vergütet; die Wehmuth als mein zu behandeln, was mir immer noch würdigeren Händen zu gehören scheint, wird oft durch eine Reihe kleiner nothwendiger Beschäftigungen unterbrochen, die bis jetzt nur aus der Pflicht, nicht aus der Freude der Erhaltung hervorgehen. In drey Tagen fahre ich nach Escheberg, wohin mein Bruder voraus ist und den 26ten Montags, wird das Testament publicirt, das mir eine erschütternde Urkunde einer mehr als väterlichen und zwiefach väterlichen Liebe seyn wird. Drey Tage vor seinem Tode hat mein seliger Onkel meinem Vater eröffnet, daß er meinen Bruder und mich zu Universal-Erben nicht nur des Allodiums, sondern auch der Lehne einzusetzen wünsche, und den Vater deshalb bitte, uns seine Rechte auf letztere gleich zu überlassen. Mein Vater, der uns so zärtlich liebt und sich erst in hohem Alter zur Übernahme mancher Sorgen ohnehin nicht entschließen wollte, hat darein gegen eine Apanage mit Freuden gewilligt, und wir gelangen so vor der Hand zu einem Besitz, der unsrer brüderlichen Auseinandersetzung überlassen ist. Vor dieser ist mir nicht eben bange, da wir Brüder uns von jeher so sehr geliebt haben, aber doch habe ich zum Himmel gefleht, daß er keine Wolke in ein Verhältniß kommen lassen möge, das so ungetrübt war, so lange wir nichts hatten; ich habe solche Entschlüsse gefaßt, mich durch kleine Neigungen, Vorlieben u. dgl. nicht übereilen zu lassen, und mein Bruder ist in manchem Betracht noch viel besser als ich, daß es gewiß gut gehen wird. Ich fürchte nur den Schmerz und die Last des Besitzes und deswegen thut mir nichts so weh, als wenn mir auch hier manche Gemeinheit entgegentritt, die es nicht begreifen will, daß ich das Leben meines Onkels mit Allem was ich habe zurückkaufen möchte. Meine nächsten Freunde und mein Bruder theilen hingegen ganz mein Gefühl, und es war mir eine meiner schönsten Nächte, als mein Bruder vor meinem Bette saß und mir bis drey Uhr Morgens die ganze Geschichte der letzten Lebenstage unsers väterlichen Freundes erzählte und wir Beyde dabey abwechselnd und zusammen weinten.
Ich unterhalte Sie wohl recht lang mit diesen Dingen, mein geliebter Freund, aber sie sind mir eben das Nächste und ich konnte von nichts Anderem schreiben. Einmal ausgesprochen, werde ich sie in meinen übrigen Briefen nicht wiederhohlen und unsern nächsten Freunden, Loeben und Kalkreuth und Schütz, theilen Sie ja ohnehin wohl diese Blätter mit; ausser unserm kleinen Liederkreise braucht Niemand etwas davon zu wissen.
Wie geht es denn in diesem lieben Kreislein? vermissen Sie nicht den Übersetzer (Ihre a. d. Winkell) ein wenig? Die geistlichen Lieder, die ich Ihnen vorlesen wollte und bey meiner Rückkunft werde, sind durch Eines auf der Reise vermehrt worden; sagen Sie doch das Ihrer lieben Frau, die mir einmal etwas so Niedliches darüber gesagt hat.