Zu Neuhausen verlebte ich zwey angenehme Tage und wohl zweyhundertmal klang Ihr Nahme über vier bis sechs Lippen. Zu Cassel wurde ich zwey Wochen aufgehalten, ehe ich nach Escheberg kommen konnte, und seitdem bin ich hier in der sogenannten ländlichen Ruhe. Mein Bruder, Fräul. Calenberg, der englische Vater mit den Söhnen aus Dresden und Brüssel sind die nahen Umgebungen, die ferneren wechseln wie das Wetter und dies ist ja in diesem Sommer meist schlimm. So hat Carl jetzt zwey Familien aufgegabelt, leidliche Männer mit unleidlichen Frauen, worunter Eine eine standeserhöhte Bäckerstochter mit einem gespreitzten greulich singenden oder vielmehr schnalzenden Töchterchen. Während ich mich möglichst zurückziehe und der Scheidestunde mit Verlangen entgegensehe, wird der gute Carl nicht müde, sie zum Bleiben zu nöthigen, und er ist so unruhig und bewegsam, daß ich nicht einmal die Zeit finde ihm zuzuwinken: lasse sie ziehen. Im Übrigen ist Escheberg hübsch. Eine neue Felsenpartie, zu der Carl die Basalte von der Malsburg fahren läßt, überraschte mich; zur Nachfeyer meines Geburtstages ließ mich der gute Junge mit klingendem Spiel in mein bekränztes neues Haus einziehen, dessen Anblick mich wahrhaft erquickt hat, indem es manche innere Unruhe durch das Harmonische seines Eindrucks beschwichtigte. Daneben haben sich mir manche Geschäfte gehäuft; der Morgen geht sie abhaspelnd hin, die übrige Zeit in heiterer Unterhaltung, von manchen Rührungen und Erinnerungen wie von einem bald dunkeln bald schimmernden Saume umdrängt. Wären Sie nur einmal hier! ich denke mir immer, wie Ihnen dieses gefallen, jenes Sie entsetzen würde — aber schön wäre es doch, Sie, wenn auch in Ihren Gewitterstündchen, zu haben. Daß ich Carl wegen des Weinverrathes weidlichst abgescholten habe, können Sie denken; noch behauptet er, die zwölf Apostel für Sie aufbewahrt zu haben und damit die verscherzte Gunst wieder zu erringen. Er küßt und liebt Sie zärtlich, Ihr Ruhm stirbt nicht auf seinen Lippen.

Von unserm Loeben habe ich ein silbernes Lorbeerzweiglein zum Geburtstag und einen schönen lieben Brief erhalten, der von Gesundheit nicht spricht, aber Lebenslust und Vergnüglichkeit athmet. Albrecht hat meinen Bruder hier besucht.

Die Dualität meiner Lebenserscheinungen führte mir in Cassel zwey geniale Weibsleute vorbey. Primo die Helwig, die auf die Gallerie lief, um kein einzig Bild anzusehen, sondern über ihre eigenen zu schwatzen, und sich einen Abend durch bey Fräul. Calenberg mit untermischten Klagen über ihre Halsschwindsucht absprach; secundo die Arnim, die einen andern Abend bey meiner Cousine so unablässig schraubelte, daß sie von einem plötzlichen Halskrampfe ergriffen wurde. Die Grimms und Andere saßen ihr bewundernd und beyfallachend gegenüber und es ist wahr, daß mitten unter dem Tollen, Rohen und Groben, das ihre Zunge drosch, auch wohl dann und wann ein Mutterwitzkorn emporflog. Diesmal fand ich, daß die vormalige Verliebtheit in Sie einer ziemlichen Ungezogenheit Platz gemacht hatte; doch ist freylich nicht zu läugnen, daß Sie auf einen solchen dépit amoureux reichlich pränumerirt haben.

Auf dringendste Selbstempfehlung der Helwig haben wir ihre Helene von Tournon hier gelesen. Die arme Person wird ohnmächtig, weil sie der Amant nicht auf die richtige Art ansieht, und stirbt, weil er sie nicht auf die richtige Art anredet; das ist die ganze Geschichte auf 165 Seiten. Am Schlusse sieht man wohl, wo die würdige Vf. hinausgewollt hat und daß so etwas vielleicht einmal hätte poetisch passiren können, aber der gespreitzte, geschnörkelte Stylus, der in ellenlangen, heckerlingartig geschnitzelten Perioden tausend Abgeschmacktes zu Markte trägt, macht das Büchelchen gewaltig widerwärtig. Jetzt habe ich ein Buch angefangen, das Goethe dreymal gelesen hat, vier dicke Bände Don Alonso ou l’Espagne, deren erste 52 Seiten allerdings einen eigenthümlichen Karakter zu haben scheinen. Wissen Sie denn auch, daß das erbärmliche Buch W. Meisters Meisterjahre wieder von einem Pseudo-Pustkuchen ist? Schade, denn der Kuchen ist um nichts besser als die Hefe.

Was lesen, was treiben, was schreiben Sie denn? wie geht es der lieben Gräfin und Amalien? sind die Kinder von der Hochzeit zurück? haben Sie mein Buch abgegeben? hat es Freude gemacht? haben Sie mir etwas in der Auction gekauft? was macht unser armer Kalkreuth? hat er Sie in T. besucht? glauben Sie mir es, daß ich Sie auch in diesem Sommer gern besucht hätte, und nicht nach Prag gelaufen wäre? Sehen Sie, das sind tausend Fragen, ach und nicht Eine werden Sie mir beantworten, fauler, hartherziger Freund! Und doch waren Ihre Briefe vor drey Jahren so schön! und vor zwey Jahren schrieben Sie mir gar nicht! Die winzige Beylage, nach welcher der Postbote bereits die Hand ausstreckt, wird auch nichts helfen, denn ich sehe schon das höhnische Kind, wie es sagt: was will mir das? mit Speck fängt man die Mäuse! und so werde ich nichts von Ihnen erfahren, bis ich wiederkomme, und das ist doch noch recht lange. Dieser Gedanke macht mich wahrhaft melankolisch, deshalb sage ich Ihnen ein trauriges, halb empfindliches Lebewohl, wie denn nie Jemand das Talent gehabt hat, meine Empfindlichkeit so schmerzlich zu reitzen, aber freylich auch ihr so wohl zu thun, als eben Sie. Leben Sie wohl, lieber herrlicher Mann! umarmen Sie die Ihrigen, wie ich Sie und Alle von meinem Bruder und Frl. C. begrüßen und umarmen soll, und lassen Sie Ihre Gedanken jeden Kuß zurückgeben Ihrem Sie zärtlich liebenden Freunde

Ernst Malsburg.


Maltitz, Apollonius, Freiherr von.

Geb. 1796, Kais. russischer wirklicher Staatsrath, in diplomatischen Sendungen an verschiedensten Höfen, zuletzt Geschäftsträger am Weimarischen. Weder zu verwechseln mit seinem Bruder, welcher ebenfalls Diplomat und ebenfalls Schriftsteller gewesen; noch weniger mit dem in Dresden verstorbenen Herrn von Maltitz, der mit Bezug auf eine (unter ähnlichem Titel verfaßte) epigrammatische Broschüre „der Pfefferkörner-Maltitz“ genannt wurde.

Apollonius hat u. A. drucken lassen: Gedichte (1817). — Geständnisse eines Rappen (1826). — Neuere Gedichte, 2 Bde. (1838). — Dramatische Einfälle, 2 Bde. (1838–43). — Drei Fähnlein Sinngedichte (1844). — Lucas Cranach, Roman, 3 B. (1860). — Der Herzog von der Leine, Roman, 4 Bde. (1861) &c.