I.
Leipzig, 5. Aug. 1839.
Hochverehrtester Herr!
Auch der Ruhm und die Größe haben ihre Beschwerlichkeiten! Dies werden Sie, hochverehrter Herr, wahrscheinlich heut nicht zum erstenmale erfahren. Die Huldigungen, welche ich Ihnen hiermit als dem Sängerkönige des deutschen Vaterlandes darbringe, sind mit einer Bitte verknüpft. Das Amt eines Richters, welches ich Sie bei Übersendung der beiliegenden Proben zu üben bitte, kann beschwerlich, aber auch erfreulich sein. Beschwerlich, wenn das Urtheil ungünstig; erfreulich, wenn es günstig ausfallen muß. Dennoch weigern Sie Sich nicht es zu übernehmen! Müssen Sie Ihrer Überzeugung nach das Verdammungsurtheil sprechen; so brauchen Sie eines namenlosen Jünglings nicht zu schonen, sind vielmehr der Poesie, welche Sie mit unsterblichen Kränzen geschmückt hat, verpflichtet, jeden Andrang eines ungeweihten streng zurückzuweisen. Können Sie aber einen strebenden, für alles Höchste begeisterten Jüngling durch Ihre Aufmunterung größere Schwungkraft des Geistes und freudigeren Muth verleihen; gewiß so wird dieß Geschäft um so angenehmer für Sie sein, je mehr Sie selbst zu der Überzeugung gelangt sind, daß unsere Zeit begeisterter und begeisternder Rede vor allem bedürfe.
Finden Sie, Hochverehrtester Herr, Gedichte ähnlich des beiliegenden werth das Licht der Welt zu erblicken, so bitte ich um die Erlaubniß, Ihnen dieselben, sobald ich einen Verleger gefunden, überreichen zu dürfen. Überglücklich würd’ ich mich preisen, wenn die Hand des Sängers, vor dem ich mich am ehrfurchtvollsten neige, den Schüler würdigte, durch sie in die Welt eingeführt zu werden. Doch ich wage nicht es zu hoffen.
Ich müßte nicht das unbegrenzte Vertrauen auf Ihre Humanität haben, welches mir der Umgang mit Ihrem Geiste, durch Ihre Schriften gewährt, mir einflößte wenn ich daran zweifeln könnte, daß ich Verzeihung wegen meiner Zudringlichkeit erlangen werde. Ich wage sogar auf eine Antwort, die mein Urtheil enthält, zu hoffen. Wie dies auch ausfalle, ich verharre stets, Hochverehrtester Herr, Ihres Genius
eifrigster Verehrer
Dr. G. O. Marbach.
II.
Leipzig, 17. Aug. 1838.