Dr. Johannes Minckwitz.

II.

Berlin, den 12. Dezember 1844.

Hochzuverehrender Herr Geheimrath!

Die freundliche Aufnahme, die Sie mir vorgestern angedeihen ließen, hat mich auf die erfreulichste Weise überzeugt, daß Sie mich nach Ihrer Trennung von Sachsen nicht vergessen haben. Wie Sie meine Wünsche liebevoll angehört, so darf ich auch mit Zuversicht hoffen, daß Ihnen deren Erfüllung wahrhaft am Herzen liegt. Daher beeile ich mich, Ihnen die Vorlagen zu machen, die Sie für nöthig halten, um meine Sache bei dem Könige praktisch und mit Erfolg zu führen. Erstens sende ich Ihnen ein unterthänigstes Schreiben an Sr. Majestät, worin ich meine persönliche Lage und meine literarischen Zielpunkte auseinandergesetzt, und zweitens die Stücke von Sophokles und Aeschylos, so gut ich sie in der Eile hier gebunden erhalten konnte. Bei der Überreichung derselben bleibt es Ihrer wohlwollenden Gesinnung anheimgestellt, was Sie zu meinen Gunsten mündlich hinzufügen wollen, und ich zweifle nicht, daß Ihre Verwendung, da Sie das Ohr Friedrich Wilhelms des Vierten haben, einen glücklichen Ausgang verbürgen werden. Ein Monarch, der, wie die öffentlichen Blätter auch aus England melden, so eben im Begriffe steht, seinem Volke das edelste Geschenk zu geben, welches er ihm geben kann, wird auf Ihr Andringen kein Bedenken tragen, die Laufbahn eines einzelnen Gelehrten sicher zu stellen, die seither von so widerwärtigen Stürmen begleitet gewesen ist. Sie erinnern sich ja Ihres eigenen Schicksales in Sachsen! Sie wissen, daß es in diesem kleinen Lande an Männern fehlt, die den ernstlichen Willen haben human zu wirken, während Überfluß an Leuten ist, die aus niedriger Denkart stets bereit sind, jedem wackeren Streben Luft und Sonne zu beschneiden.

Vom Aeschylos erwarte ich täglich die drei letzten Stücke aus der Stuttgarter Presse. Sobald sie, nach meiner Rückkehr, in Leipzig eintreffen, werde ich um so weniger zaudern, auch diese Ihnen nachträglich zu senden, als ich hierdurch die beste Gelegenheit erhalte mein Gesuch in Ihrem Gedächtniß aufzufrischen. Aus den heute Ihnen vorgelegten Arbeiten werden Sie unterdessen erkennen, daß ich und Baudissin nicht so sehr im Unrecht waren, wenn wir bedauerten, daß Sie die Donner’sche Übersetzung der Antigone zur Aufführung gewählt hatten. Dem Sophokles von Donner fehlt die Hauptsache: die Poesie und der eigenthümliche Charakter des Urbildes, der in dieser scheinbaren Glätte verloren gegangen ist. Eine Unzahl feiner Tinten sind von ihm verwischt, eine Menge Sätze falsch oder schief wiedergegeben, die Chöre vollständig zur Prosa herabgedrückt. Dazu kommt, daß bei ihm die logische Gedankenfolge durchaus nicht so scharf und klar vorgelegt worden ist, wie sie im griechischen Urbilde dasteht, dessen anmuthige und sonnige Darstellung einst die Hellenen entzückt hat. Zu einem eigentlich deutschen Gepräge mangelt der Donner’schen Sprachweise sehr Vieles, zu einem wahrhaft dramatischen Style Alles. Denn wie die rhythmische Darstellung richtig auf die Füße zu stellen sei, das ist ihm unbekannt. Ich wundere mich daher keineswegs, daß unsere guten Freunde, die „jungen Deutschen,“ von dieser Diktion abgeschreckt, die ganze Antigone mit Stumpf und Stiel als ein veraltetes Gewächs aus der Kindheit der dramatischen Poesie verdammen. Noch weniger wundert es mich, daß man fortfährt, gegen die Anwendung der sechsfüßigen Jambenform zu eifern, als sei sie für unsere Sprache eine unnatürliche, häßliche und ungelenke. Freilich bedarf sie einen Meister, der die Zügel sicher und geübt zu handhaben versteht, nicht blos einen Versifer oder einen jener goethisirenden und schillerisirenden Nachäffer, die zugleich kein Organ für den Ton des Trimeters im Kopfe haben.

Was die Form anbelangt, in welcher die „ewigen“ Attischen Poeten verdeutscht werden müssen, so haben wir uns über dieselbe schon im Jahre 1835 verständigt, als Sie mir die Wohlthat erzeigten, meine Antigone in einem zahlreichen Kreise Ihres gastfreundlichen Hauses am Dresdener Altmarkte vorzulesen. Den modernen Reim für die Chorgesänge wiesen wir einmüthig ab: er ist und bleibt für die griechische Poesie ein heterogenes Element. Es handelt sich für den nachdichtenden Übersetzer nicht darum, antike Stoffe aufs Neue zu bearbeiten und in einer Weise auszuspinnen, als ob die Dichter nicht schon ihre Gedanken in die rechte Form gebracht hätten; in diesem Falle würde der begabte Übersetzer besser thun, freigewählte Stoffe selbstständig nach seinem eigenen Genius auszuführen, wie etwa der Schöpfer der Aeneïde mit dem Homer verfahren ist. Was soll aber der mit poetischen Meisterstücken schon so reichgesegneten modernen Welt an einer derartigen Verarbeitung antiker Stoffe liegen, die unserer Anschauungsweise, bei vorgerückter Kulturepoche, mehr oder wenig fremd sind? Es handelt sich vielmehr um eine getreue und strenge Darlegung der Urbilder selbst, nicht blos nach dem Gehalt, sondern auch nach der eigenthümlichen Form, so weit diese Form für uns erreichbar ist: um eine ähnliche Darlegung, wie sie Luther und seine Zeitgenossen in der Bibelübersetzung geboten haben. Wir wollen in unserer Sprache lesen, was ein Sophokles, ein Aeschylos, ein Euripides und Aristophanes gedacht, empfunden und gesagt haben, nicht was wir etwa denken, empfinden und sagen würden: wir wollen ganz besonders auch wissen, wie die Alten selbst ihre Gedanken und Empfindungen entfaltet haben. Daran allein kann uns heutzutag liegen, uns, die wir in den Alten unsere Muster sehen wollen.

Aus diesem Grunde verwarfen Sie mit mir ebenfalls den Gebrauch der fünf- und fünfeinhalbfüßigen Jamben: aus richtiger Erkenntniß des höheren Tones, welcher das antike Drama vor dem heutigen auszeichnet. Von Lessing ist die uns jetzt gewohnte Weise der Jambenreihen ausgegangen: hätte dieser Mann im Nathan die sechsfüßigen Reihen angewandt, welchen unendlichen Einfluß würde dieß auf die rechtzeitige Gestaltung unsers Rhythmus ausgeübt haben! Wir dürfen nicht glauben, daß durch Goethe und Schiller die eigentliche Höhe erstiegen worden ist, welche dem deutschen Drama, bei der herrlichen Beschaffenheit unsers Sprachmaterials, vorgezeichnet scheint. Es werden in künftigen Zeiten noch ganz andere, viel vollendetere Harmonieen auf dem deutschen Parnaß ertönen: dafür bürgt uns schon der Anlauf, welchen Schiller in der Braut von Messina genommen hat.

Mein Ziel war es, im Sophokles und Aeschylos den antiken Trimeter, durch angemessene Umgestaltung desselben, in unserer Sprache einzubürgern und einen neuen Styl für das deutsche Drama vorzubereiten, einen höheren, reicheren und mannichfaltigeren. Sehen Sie zu, ob mir dieß gelungen ist, mein verehrter Meister! Schwer und voll klingt mein dramatischer Vers: das ist sicher; so leicht und locker wie der Donner’sche tritt er nicht auf, aber ich behaupte demungeachtet, deutscher und die Poesie erschöpfender. Vergebens werden unsere Hinkjambenschreiber mich im deutschen Gepräge zu übertreffen suchen: sie kommen nicht einmal über Christian von Stolberg im Sophokles hinaus. Auf den ersten Blick mag zwar meine Darstellung etwas fremdartiger erscheinen, aber hat nicht jeder originelle Autor anfangs etwas Fremdartiges für uns, und muß man sich nicht erst in die Neuheit (wenn ich so sagen darf) hineinlesen? Hat die Bibel nicht auch die Fremdartigkeit beibehalten, die von den Autoren selbst herrührt und die um dieser Autoren willen nicht übertuscht werden darf: und erachtet die Bibel Jemand für undeutsch? Ein Mode-Deutsch hat sie freilich nicht. Lies’t man ein Werk von Ihnen, verehrter Freund, oder eins von Goethe, Schiller, Jean Paul: versteht man da Alles gleich auf den ersten Blick und muß man nicht lesen und wiederlesen und nicht nachdenken, um den Geist, der plötzlich vor uns tritt, aufzufassen und sich mit ihm zu befreunden?

So waren meine Betrachtungen, als ich über Sophokles und Aeschylos arbeitete; Werke, die mich sieben volle Jugendjahre, nach einem genauen Überschlage der Zeit, in welcher ich geradezu Tag und Nacht brütete, gekostet haben. Glauben Sie aber nicht, daß Ihre Wahl der Antigone von Donner mir ärgerlich ist. Ich besitze keinen Ehrgeiz, nur Liebe zur Sache; und wenn man die Verse von Donner lobt, rechne ich im Stillen mit um so größerer Zuversicht darauf, daß man die meinigen dermaleinst in ihrer Vollendung erst recht erkennen wird. Sie, verehrter Herr Hofrath, wirken auf praktischem Wege für den Fortschritt und die Hebung unsers Theaters, indem Sie jene unvergänglichen Meisterskizzen der Attiker vor das Auge öffentlich hinstellen: ich meinerseits betheilige mich an Ihren Bestrebungen dadurch, daß ich für dieses Ziel einen neuen Styl schaffen helfe.