Sonntags.
Mein theurer, verehrter Freund! Eine starke Erkältung, die mir die nothwendigen und häufigen Eisenbahnreisen zuziehen, hindert mich heute wieder, Ihnen das „Hohe Lied“ selbst zu bringen. Ich habe heute wieder auf mehrere Briefe und Zusendungen des vortreflichen Dr. Böttcher freundlichst geantwortet. Der Mann träumt poetische Vorlesungen, da, wo es sich um „Sein und Nicht Sein“ handelt — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Ich gehe unter. Sie rettet geistig Ihre Einsamkeit. Mit alter unverbrüchlicher Verehrung
Ihr
A. v. H.
Rückert’s Festgedicht ist wenigstens durch mich nicht an die Königin gelangt.
XX.
Dienstag.
Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden, seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern, den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat, wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich lasse immer 8–10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern Manuscripte, variantes lectiones, auffinden kann. Ich rühme mich Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen, aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.
Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.
Ich bitte innigst, daß Sie mir in die Wohnung von Fr. Lenz schreiben, damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter Verehrung und Freundschaft