Ich wünschte, ich hätte Ihnen das Alles mündlich sagen können, ich schreibe nicht gern über meine Motive, man bekommt da immer etwas Prätiöses.

Auf Ihre Novelle freue ich mich sehr, Ihre Arbeiten, die im Herbste zu erscheinen pflegen, sind mir immer ein schöner Segen dieser Zeit, die mir die liebste im Jahre ist. Noch ist die Urania nicht hier. — Im letzterschienenen Bande des Shakespeare hat mich der Timon mächtig gefesselt, ich kannte dieses außerordentliche Werk noch gar nicht. Ich muß ihn noch mehrmals lesen, bevor ich sagen kann, daß ich ihn bewältiget habe. Auf seine eigne Weise hat S. hier wieder das Hauptmotiv: den schwärmerischen Sinn Timons für Männerfreundschaft, leicht hingehaucht, es eigentlich nur errathen laßen. Er verfährt oft so. Die Übersetzung paßt in ihrer schweren Art sehr für den Stoff, nur hätte ich hier, wie in manchen Stücken der Sammlung eine veränderte Wortstellung gewünscht. Es ist oft nicht möglich, die richtigen Redeaccente scharf herauszuheben, wie die Worte jetzt stehn — was bei dem mündlichen Vortrage sich sehr merklich macht.

Uechtritzens Chaldäer haben mich ebenfalls ungemein beschäftigt. Nur soll mich wundern, wie er mit der motivirenden psychologischen Form den Stoff durchführen wird, der sich nach meinem Gefühle mehr zu einer lyrisch Aeschyleischen Auffassung qualifizirt hätte. Auf die gedruckte Rosamunde bin ich auch sehr neugierig. Ich habe vielleicht gegen diese Dichtung Unrecht, und sehe sie nun mit andern Augen an, da sie mir ferner und fremder geworden ist.

Die sogenannte romantische Schule der Franzosen macht freilich seltsame Sprünge. Sobald diese Art sich auszubreiten begann, hatte ich gleich die Ahnung, daß wir an unsern Verächtern nunmehr durch Ausbrüche ihres kalten Wahnsinns vollständig gerächt werden würden. Da ich von dort nie Poesie erwarte, so amüsiren mich die artigen Sachen doch, weil immer ein gewißes Geschick, eine Art von hasenfüßiger Zierlichkeit darin sichtbar ist. Louis XI. von de la Vigne z. B. ist allerliebst gemacht.

Eine curiose Neuigkeit, die Sie vielleicht noch nicht kennen, las ich vor wenigen Tagen: die mehreren Wehmüller und Hungarischen National-Gesichter von Cl. Brentano. — Das Burleske finde ich hübsch darin, das Ernsthafte ist wie immer abscheulich.

Sie erkundigen sich nach meinen Arbeiten. Ich habe im Sommer eine vollständige Revision meiner ältern und neuern kleinen Gedichte vorgenommen, manches Neue gemacht, und eine gereinigte Sammlung zusammengestellt. Jetzt liegt der Hofer vor mir, den ich umarbeiten will. Das Kleinliche und Sentimentale soll hinaus, und das Ganze wird auf ein einfaches, großes, historisches Motiv gebaut werden.

Außerdem beschäftigen mich drei neue Aufgaben — die Epigonen, ein Roman, von dem ich Ihnen aber keine Andeutung geben kann, weil diese zu weitläuftig werden würde; das mythische Gedicht: der Schwanenritter, dessen Eingangsstanzen ich im vorigen Herbste Ihnen abschrieb und dann: der Tristan, dessen Plan und Eintheilung auch bereits fertig ist. — Diese drei Stoffe sind ein wahres Unglück für mich, denn weil sie mich auf gleiche Weise anziehn, so fühle ich mich oft in ihrer Mitte völlig paralysirt.

Machen Sie nur Ihre Zusage wahr, im künftigen Jahre hierher zu kommen. Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie hier begrüßen dürfte. Man kann Ihnen freilich hier nichts Fertiges zeigen, aber es regt sich doch Manches, was in gutem Wetter und Sonnenschein vielleicht einmal fertig wird. Schadow, der Sie sehr verehrt, wollte Sie im October auf der Heimreise von Berlin besuchen, und freute sich sehr darauf, Sie zu mahlen.

Interessant würde es mir seyn, die Übersetzung des Alexis kennen zu lernen. Vielleicht macht mir der Herr, der sich damit beschäftigt, einmal wohl eine Mittheilung.

Mit inniger Hochachtung und Verehrung