Daß der Stand des Lehrers, bei der großen Verschiedenheit der geistigen Anlagen seiner Zöglinge, deren verschiedenen Temperamenten, ein fast mißlicher war, läßt sich denken. — Was K. in einer Lection loskriegte (um mich eines acad., aber passenden Ausdrucks zu bedienen), dazu bedurfte P. deren mehre, weshalb sich auch der Lehrer des letztern um so mehr annehmen und den Eifer des erstern zu zügeln suchen mußte. Er enthielt sich daher auch jeder Austheilung von noch so verdienten Lobsprüchen zu K.’s. Gunsten und zwar auf eine Weise, welche der Eitelkeit desselben nicht zu nahe trat und dessen Lernbegierde nicht schwächte, und ließ dem wackern Streben P.’s (wenn gleich nicht mit dem von beiden Seiten gewünschten Erfolge nur einigermaßen gekrönt) stets gerechte Anerkennung widerfahren und lobte P. in K.’s Gegenwart, statt daß es eigentlich der umgekehrte Fall hätte sein sollen. — Doch gaben die ungewöhnlichen Fortschritte, welche K. machte, die tagtäglichen Beweise seiner ausgezeichneten Geistesfähigkeiten, der Schwermuth des sich überaus unglücklich fühlenden und mit sich schon fast zerfallenden P.’s Nahrung. — Nach beendeter Lection und auch außerdem warf sich P. oft, bitterlich weinend, an die Brust des Lehrers und schluchzte: Ach, warum hat mich gerade, der ich es mir so angelegen sein lasse, etwas zu lernen, die Natur so stiefmütterlich behandelt? Warum wird mir Alles so schwer, während dem Vetter Heinrich das Schwierigste so leicht? — und so klagte er fortwährend. — Der Lehrer that alles Mögliche, den Unmuth des geliebten Zöglings zu scheuchen und ließ es an Zuspruch, Rath und Anerkennung der äußerst-möglichen Anstrengungen P.’s nicht fehlen.
Die Schwermuth hat P. indeß nie verlassen, sondern schlug noch fester Wurzel und durch sie fand er auch später einen freiwilligen Tod. Das Glück ist ihm auch späterhin, als Zögling der Milit. Acad. und als Officier, nie hold gewesen.
Irre ich nicht, so hörte ich auch, daß K. und P. in der Folge auch einmal schriftlich (persönlich sind Beide nie wieder zusammengetroffen) die Verabredung getroffen hatten, beide eines freiwilligen Todes zu sterben. Verbürgen läßt sich dieß freilich nicht.
In dem ersten der beiliegenden Briefe wendet sich K. (er that es späterhin, schriftlich und mündlich wiederholentlich und führte einen langen Briefwechsel darüber) an seinen ehemaligen Lehrer, um dessen Meinung über eine Standesänderung, unter obwaltenden Umständen, einzuholen. — Der Geistliche, an den sich K. dabei inniger schloß, als an seine Verwandten und Freunde, that natürlich sein Möglichstes (gleich diesen), um den exaltirten Jüngling von seinem Vorhaben abzubringen.
K. hatte weiterhin, unter des Conrector’s Bauer in Potsdam Leitung, die Maturität zur Univ. erlangt und war, nach mannichfachem Mühsal, so glücklich gewesen, den so ersehnten Abschied zu erhalten. —
Das Concert in Frankfurt a|O. war zu Ende, der mehrberegte Geistliche, der es auch besucht hatte, schickte sich an, zu gehen, als er plötzlich hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter erhielt. Er erschrickt, sieht sich um und gewahrt Kleist, der in einen großen Reitermantel gehüllt ist. Dieser ist in großer Aufregung und theilt ihm (dem Geistl.) Holter di polter mit, daß er nun endlich seinen Abschied erhalten habe und in Frankf. studiren wolle.
K. war, seinen Abschied in der Tasche, wie im Fluge von Berlin geritten, hatte den ehemal. Lehrer in dessen Behausung aufgesucht, aber gehört, daß derselbe im Concert sei, und war nun stante pede, wie er war, in dasselbe geeilt, um den Freund sofort von dem Gelingen des Plans in Kenntniß zu setzen. Der Referent verschwand eben so hastig, wie er gekommen. —
So weit meine Mittheilungen. Ob die Schwester und bekannte Reisegefährtin Kleist’s, Ulrike, die früherhin Directrice eines Erziehung-Instituts für adelige Fräulein in Frankf. a.|O. war, noch lebt, ist mir nicht bewußt.
Wenn ich mir nun schmeicheln darf, Ew. Wohlgeboren eben so wenig durch die Einsendung der Beilagen, als durch vorstehende Mittheilungen, lästig gefallen zu sein: so glaube ich mich wol zugleich nicht der Bemerkung enthalten zu dürfen, daß es mir höchst schmeichelhaft sein würde, wenn Ew. Wohlgeboren Veranlassung nähmen, mich durch einige gelegentliche Antwortzeilen zu erfreuen.