Unsere Correspondenz ist sehr früh und auf lange Zeit unterbrochen worden; die Geschäfte, die mir mein bürgerliches Amt giebt, und zum Überfluß Krankheit führten mich bald nachdem ich Ihre gütige Antwort erhalten hatte, von Literatur und Poesie ab. Vielleicht mußte auch manches in mir erst zur Auflösung und Entwicklung kommen, damit ich die Heiterkeit wieder gewönne, ohne die uns die Kunst den Eintritt in ihr Geheimniß zu versagen scheint. Das, hoffe ich, wird mich bei Ihnen entschuldigen, wird mich rechtfertigen, als ob ich Ihre Freundlichkeit nicht in ihrem ganzen Werth empfunden hätte. Ich habe in diesem Jahre einige neue Theaterstücke, ein Schauspiel und zwei Lustspiele, ein Paar Novellen u. a. m. geschrieben. So sehr ich mich dieser Fruchtbarkeit freuen kann, und eine gewisse Munterkeit meiner Geisteskräfte alles in mir schnell emportreibt, so bin ich doch mit diesen Arbeiten nichts weniger als zufrieden. Sie erhalten sie wohl ein ander Mal zur Durchsicht, wenn Sie nicht gleichgültig geworden, und das Vertrauen zu meinem Talent verloren haben. Ich überweise Ihnen einstweilen nur die ersten Nummern der Horen, einer Zeitschrift, die ich von 1828 an redigiren werde. Finden Sie den Geist und das Streben, die sich in der Vorrede und den wenigen bis jetzt gedruckten und noch nicht beschlossenen Mittheilungen ankündigen, Ihrer Achtung werth, so bitte ich Sie recht herzlich, die Unternehmung durch Ihren Ruf und Ihre große Bekanntschaft zu fördern. Das Schicksal der Zeitschrift hängt von ihrer ersten Aufnahme ab, und schon muß ich von einem Angriff Müllner’s hören, der sie in der Geburt sogleich tödten soll. Es wird mir aber eine Quelle des Muths und der Begeisterung werden, wenn ich die edleren Männer der Nation mir gewogen weiß, und wenn ich die Überzeugung habe, daß ich meine Kräfte nicht an einen bloßem Versuch verliere.
Mit wahrhafter Hochachtung
Ihr
ergebenster
K. Köchy.
II.
Mainz, d. 30sten Mai 1831.
Verehrter Herr Hofrath!
Die wenigen, aber schönen und bedeutenden Stunden, die ich vor einem Jahre in Ihrem Umgang und in Ihrem Hause gelebt habe, werden niemals aus meinem Gedächtniß kommen. Ich wünschte, daß auch Sie sich zuweilen an mich erinnerten, aber ich hoffe es nicht. Das Gedicht, das ich Ihnen eben zurücklassen konnte, mag wenig dazu geeignet sein, mir eine solche Theilnahme bei Ihnen zu gewinnen, und was könnte ich in unsern Gesprächen Ihnen gezeigt haben, als Enthusiasmus und Empfindung, die doch erst die Bedingungen sind, unter denen ein Mensch etwas werden und leisten kann.
Seit dem Anfang des Winters lebe ich in Mainz, und in einer Verbindung mit dem hiesigen Theater. Ein Freund, der Schauspieler Haake, ein liebenswürdiger Künstler und Mensch, dirigirt dasselbe, und hat mich auf jede Weise hier festzuhalten gesucht, weil er glaubt, ich könne mich dem Institute nützlich machen, und zugleich das, was von theatralischem Dichtertalent in mir sein mag, nur so, im Umgang mit der realen Schaubühne, und aller andern Geschäfte und Lebenssorgen entledigt, zur glücklichen Ausbildung bringen. In dem einen Stücke setzt er wohl zu viel Vertrauen auf mich. Ich habe jedoch angefangen, dramaturgische Blätter zu schreiben, von denen ich mir Ihnen eine Probe zu senden erlaube, und einige ältere gute Theaterstücke neu zu bearbeiten. Im nächsten Sommer, den ich auch meiner Gesundheit wegen, und um die Heiterkeit meines Gemüths ganz wiederherzustellen, in Wiesbaden zubringen will, hoffe ich nun auch eine Tragödie „Rochester“ zu vollenden, wozu der Plan während des Winters so ziemlich reif in mir geworden ist. Da wird es sich denn zeigen, was die Kunst und ich von mir zu erwarten haben. Ihnen theile ich das Werk zuerst mit, und bitte Sie im Voraus herzlich, mir freimüthig und streng Ihr Urtheil zu sagen. Einige Lustspiele, die ich mit schneller Hand in einer Anwandlung von komischer Laune zu Stande gebracht habe, getrauen sich nicht zu Ihren Augen, und mögen auch nur wie Kinder unserer Sünden, wenn auch nicht weniger geliebt, im Dunklen bleiben. Wollen Sie mir jetzt schon einen wichtigen Dienst erweisen, und zugleich dem hiesigen Theater, so nennen Sie mir gefälligst Einiges von der älteren deutschen Schaubühne, oder der ausländischen, was der Wiedererweckung würdig ist; ich hatte selbst Lust, das Spanische noch zu lernen, (das Italienische lese ich, wie das Englische ziemlich fertig) könnte ich mir von dem in Deutschland noch ungekannten Lope de Vega Ausbeute versprechen. Werke, mit deren Aufführung wir uns jetzt beschäftigen, sind außer dem Wallenstein, der an drei aufeinanderfolgenden Abenden, unverkürzt, gespielt werden soll, Ihr Blaubart, der Sturm, Richard II., Calderon’s Richter von Zalamea, und Arnim’s Befreiung von Wesel. Im nächsten Jahre kann ein Mehreres geschehen; Haake denkt mit seinem Theater eine Schauspielerschule zu verbinden, worüber Sie das Nähere in meinen Blättern erfahren sollen.