Abends.
O Freude, o Freude! heut Mittag hab’ ich schon einen zweyten Brief von Dir bekommen; Du kannst gar nicht glauben, wie ich triumphirt habe. Aber ein Ding ist sonderbar. Du hast meinen ersten kleinen Brief — (3 Oktavseiten lang, — es war nichts Merkwürdiges darin) — den ich den Dienstag vor 8 Tagen, als den 1sten May an Rambach zum Einschluß gab, nicht bekommen. Und was noch sonderbarer ist: ich bringe heut nach Tische gleich den Brief an Deine Schwester, und sie sagt mir, sie hätte 2mal an Dich geschrieben, und in Deinen Briefen sagtest Du, daß Du auch nichts von ihr bekommen hättest. Liegt die Ursache von diesen Konfusionen in Einer Ursache? Ist der Herr Fuhrmann in Wittenberg etwa Schuld? — Fast verdenk’ ich es Dir, daß Du nicht unruhig darüber geworden bist, oder nicht deswegen auf mich ein wenig mehr gescholten hast, daß ich, nach Deiner Meynung, noch nicht, wenigstens mit der Feder in der Hand, an Dich gedacht habe. Du weißt indeß nun den ganzen Zusammenhang und den Verlauf der Sachen: und ich werde also wohl in Deinen Augen exculpirt seyn.
Ist es denn wirklich Dein Ernst, lieber Tieck, daß Du mich nicht vergessen kannst? O! er muß es wohl seyn! Es hat mich recht gerührt, daß Du schreibst: „es war recht unvorsichtig von uns, daß wir uns die letzte Zeit in Berlin so oft sahen.“ Es hat mich recht gerührt. O Tieck, Tieck, ich habe es geglaubt, daß Du mir gut wärst; aber kaum, kaum hab’ ich es je glauben können, daß Du so zärtlich gegen mich denkst. Und daß Du mir nichts als wahre Empfindung Deines Herzens äußerst, weiß ich. Womit soll ich’s Dir vergelten? Du demüthigst mich. — Ich breche ab.
Wie bist Du denn zu den ausgebreiteten Bekanntschaften in Koswig gekommen? Und, ums Himmels willen, wie ist es möglich, daß Du in einer Gesellschaft so lange hast Karten spielen können? Das ist ja ganz schrecklich. Ich glaub’ ich hätte vor Aerger geweint, wenn ich Dich in eine solche Situation geklemmt gesehen hätte, — Dich am Spieltisch, dem Thron von Affen und Laffen, — Dich! Es ist wahrlich viel? Ich bedaure Dich. — Auch die andre Gesellschaft, die Du in Koswig gehabt hast, muß gar herrlich für Dich gepaßt haben. Aber daß Du Karten spielen mußtest, und in die Nacht hinein, das ist mir noch immer das schauerlichste. Ich kanns gar nicht vergessen. Das Fatum muß nothwendig einen Fehlgriff in der Urne gethan haben, da es das Looß dieses Tages für Dich zog: das fatale Fatum!
Du stiehlst meiner eigenen Werkstätte von Gedanken etwas, wenn Du mir die Bemerkung machst, daß um das Große in den schönen Künsten zu fassen, ein selbst groß und erhaben denkender Geist der Kritiker seyn müsse. Das hab’ ich schon immer gedacht, und, wenn ich nicht irre, Dir auch schon gesagt. Aber das was Du hinzusetzest, kann ich nicht ganz billigen. Ich weiß nicht recht, warum das Erhabene Dich eher zu Thränen rühren sollte, als das Empfindsame. Ad vocem Empfindsam, will ich Dir doch einen Zweifel und eine Bemerkung mittheilen. Ich bin nicht recht mit mir einig, was man eigentlich Empfindeley nennen solle. Mir scheints am Ende blos affektirte Empfindung zu seyn; ich will Dir sagen, warum. Empfindungslose Empfindsamkeitspötter nennen oft etwas Empfindeley, was an sich schöne, feine Empfindsamkeit ist, und nur dann falsche Empfindung oder Empfindeley wird, wenn jemand es affektirt, zu haben. Ich sehe z. B. nicht ein, warum der Vorsatz, nicht aufs Feld gehen zu wollen, weil man da mit jedem Tritt eine Menge kleiner im Sonnenschein spielender Geschöpfe vernichtet, — in gewissen Situationen, auf eine kurze Zeitlang, nicht wahre, ächte Empfindung seyn sollte. Sagt aber jemand, der an der Modesucht krankt, solche Dinge, und sehe ichs ihm an den unnatürlich verdrehten Augen an, daß er gern beliebte Paradoxa hervorbringen will, kurz, erkenn’ ich an ihm die Symptome der Affektation, so würde ich sagen: er empfindelt. Denn an sich sehe ich nicht ein, warum es nicht möglich seyn sollte, bey allen Dingen unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden. Und wenn jemand in eine Stimmung versetzt wird, daß er Empfindungen in seinem Busen fühlt, in welchen er noch keinen Vorgänger gehabt, so muß diese seine Empfindung doch für ihn wahr und richtig seyn. Oder willst Du noch falsche Empfindung und Empfindeley unterscheiden? Ich habe mich verirrt und erwarte Deine Fackel in diesem kleinen dunkeln Labyrinth. — Sey so gut und belehre mich doch über dergleichen Anfragen, Dubia u. s. w., wenn Du Lust hast. —
— — Um noch einmal zu Deiner Materie vom Erhabenen zurükzukehren, so scheinst Du mir da etwas verwechselt zu haben. Daß das Erhabene Dich in eine Art von Wuth d. i. in den höchsten Paroxismus der Begeisterung und Entzückung versetzt, will ich glauben. Aber Thränen kann wohl nur das Rührende entlocken, — und, — (wie wir es mündlich ausgemacht haben) — das Schauerliche, Schreckliche.
Daß Schmohl durchaus kein freiwilliger Diener der Musen werden, nicht auf dem Altar der Grazien opfern will, wundert mich doch. Sein fremdes, frostiges Betragen gegen Deinen vertrauten Freund Shakespear muß Dich wohl natürlich beleidigt haben. Sollte Dein Geschmack denn gar nicht an seiner Denkungsart abfärben, wie an der meinigen?