Mein verehrter Freund!
Nicht ohne einigen Neid lasse ich Ihnen dies Blatt durch X. Marmier aus Besançon reichen, um ihn bei Ihnen einzuführen, den er durch seine Werke und durch mich lieben und verehren gelernt hat. Er will deutschen Sinn und deutsche Art kennen lernen, und ist vermöge seiner Landesart und Jugend empfänglich. Gönnen Sie ihm also immer, Ihr Bild mit sich in die Heimat zu nehmen, wo es ja jetzt immer willkommener wird! Gönnen Sie ihm während seines Aufenthalts Abende wie mir und Andern, manchmal weniger Würdigen! H. Brockhaus und von Raumer, die ihm, wie ich höre, vorangehen, kennen ihn auch, und was seinen Creditbriefen fehlt, mag er durch sich selbst ergänzen.
Nun habe ich beinahe 3 Jahr Stadt und Zimmer gehütet, und wie die Frühlingssonne in meine Fenster hereinlächelt, gemahne ich mich wie ein Schmetterling, der eben die Puppe gesprengt hat und mälich die feuchten Flügel wie Pflanzenblätter entfaltet. Ob ich nun diesen Sommer einmal zu Ihnen fliegen werde können, wollen wir sehen. Lust und Trieb habe ich, und heilsam möcht’ es wol auch seyn. So mancher ist, seitdem wir uns nicht sahen, heimgegangen, vielbetrauert, wie unser Goethe, mein treuer Oppel und wie Mancher noch! Mein lieber Quandt besucht Leipzig nicht mehr. Da muß man denn von Erinnerungen leben. Erinnerungen aber, wie schön und lieb sie seyn mögen, bleiben doch nur Hintergrund und helldunkel im Lebensgemälde. Hauptlicht und Ton muß doch die Gegenwart geben. Das Nachdunkeln bleibt ohnehin nicht aus. Glücks genug, wenn wir indessen durch der Freunde Werke und Thaten es auffrischen! So habe ich gelebt und lebe ich. Mit den Jahren und den Scherereien der Zeit und Welt wächst mir aber doch eine wahrhaft heidnische Leidenschaft und Entzückung für das Licht, und so kommt man über gar Manches hinaus. Es bleibt doch dabei, daß wir unverwüstlich sind, wenn wir nur wollen.
So viel genügt als Lebenszeichen und mithin auch als Liebeszeichen. Von Angesicht zu Angesicht sagt und macht sich freilich Alles anders und besser, als auf dem leidigen Lumpenfelde. Darum will ich hoffen und mit herzlichen Grüßen an all die Ihrigen schließen.
Unverändert
Ihr
Adolf Wagner.
(Der letzte Brief an Tieck, wenig Monate vor W.’s Tode, schon mit unsicherer Hand geschrieben.)