Berlin, d. 16t. Jan. 1825.
Wenn ich so lange zögerte Ihnen wieder zu schreiben, mein theurer Freund, so war es, um meinen Unmuth zu bekämpfen, mit dem mich das endliche Resultat meiner Engagementsangelegenheit in Dresden erfüllte. Herr von Lüttichau wird Ihnen den Inhalt meines Briefes mitgetheilt haben, ich habe alle Unterhandlungen abbrechen müssen. Graf Brühl hat sich gleich nachdem er in Dresden von Herrn v. Lüttichau das Geheimniß erfahren, nach allem erkundigt, und von Seifersdorf aus noch einen Bericht an den König abgeschickt; ich habe diesen Bericht nach Empfang der abschlägigen Antwort vor mehreren Tagen gelesen. Ich kann nicht anders sagen, als daß der Graf, die Vortheile des ihm zur Verwaltung anvertrauten Instituts im Auge behaltend, sehr wohlwollend gegen mich gehandelt hat, er machte dem Könige den Vorschlag, unsere hiesige Existenz zu verbessern, oder uns die Entlassung zu gewähren. Gleich nach der Rückkehr des Grafen Brühl äußerte der König gegen ihn, daß er uns unter keiner Bedingung entlassen würde. Dieß wurde mir unter der Hand notifizirt, ich nahm aber darauf keine Rücksicht und betrieb mein Entlassungsgesuch, bis denn endlich die Cabinetsordre erschien, die in schmeichelhaften Ausdrücken uns den Abschied und jede Verbesserung verweigert.
Noch blieb mir übrig, mich zum zweitenmale an den König zu wenden, und ich machte bereits die erforderlichen Schritte, als mir angezeigt wurde, daß jedes neue Gesuch an die General-Intendanz übergeben würde, die mich nicht verabschieden dürfe, und ich mich der Ungnade des Königs aussetzen würde. Damit war die Sache abgemacht. Wollte ich mir meine hiesige Existenz nicht verderben, da ich mich auf keine Weise meiner Kontraktsverbindung erledigen konnte, so mußte ich mich ruhig verhalten. Es sollte mich wirklich recht schmerzlich bekümmern, wenn Sie glauben könnten, daß ich nicht mit der tiefsten Wehmuth von dem Gedanken scheide, mit Ihnen vereint zu leben und zu wirken; ich hatte mich mit dieser Hoffnung schon so vertraut gemacht, daß ich mit der bittersten Empfindung mein Luftschloß zusammenstürzen sah. Aber was konnte ich weiter thun? Die Bequemlichkeit des Dienstes in Dresden gegen den hiesigen alle Kräfte in Anspruch nehmenden, der Reitz der Natur in der schönen Umgebung Ihres Ortes, vor Allem aber die Gelegenheit mit Ihnen vereint ein tüchtiges, auf wahre Kunst gegründetes Theater, wie wir es bis jetzt nur in Gedanken hatten, in der Wirklichkeit zu bilden, sind zu lockende, zu wünschenswerthe Hoffnungen für mich gewesen, als daß ich den Schmerz über den Verlust aller dieser Aussichten so bald werde verwinden können. Habe ich je das Handwerk in meiner Kunst, das Pflichtmäßige in meinem Dienste gefühlt, so ist es jetzt in dieser Zeit des Unmuths, wo mir der Plan zu einem tüchtigen Kunstverein, das Bild eines angenehmen Künstlerlebens noch so nahe vor Augen liegt. Sie werden vollenden, was ich zu schaffen träumte, ich bin für Ihre großen Hoffnungen gestorben. Möchte ich mir bey dem Fehlschlagen meiner Wünsche nicht auch noch die Ungnade Ihres Hofes zugezogen haben, und mir doch wenigstens die Aussicht bleiben, vor Ihnen noch einmal mich als Künstler zu versuchen. —
Wenn Sie mir wieder schreiben, mein Freund, sagen Sie mir doch ein Wort über den jungen Menschen, der sich der Bühne widmen wollte, den jungen Convay[15], dessen Eltern mich mit ängstlichen Besuchen bestürmen.
Auch habe ich auf meiner Reise vergangenen Sommer ein Lustspiel entworfen, und in dieser Zeit, wo mir Zerstreuung nothwendig war, ausgearbeitet, das ich Ihnen mittheilen möchte. Geben Sie mir die Erlaubniß so sende ich es zuerst an Sie, und es gehe durch Ihre Hand an die Intendanz.
Leben Sie wohl mein Freund. Bin ich durch die Verhältnisse aus Ihrer Nähe auch auf’s Neue verbannt, so haben die glänzenden Aussichten, ob sie auch verschwunden, mein Herz und meinen Geist noch enger an Sie gefesselt, und ich verbleibe mit ewiger Anhänglichkeit
Ihr
treu ergebner
P. A. Wolff.