So gewiß, wie es ist, daß die Zeit, in welcher Goethe und Fichte und Schelling, und die Schlegel, Du, Novalis, Ritter und ich, uns alle vereinigt träumten, reich an Keime mancherlei Art waren, so lag dennoch etwas ruchloses im Ganzen. Ein geistiger Babelsthurm sollte errichtet werden, den alle Geister aus der Ferne erkennen sollten. Aber die Sprachverwirrung begrub dieses Werk des Hochmuth unter seine eigene Trümmer — Bist du der, mit dem ich mich vereinigt träumte? fragte einer den andern — Ich kenne deine Gesichtszüge nicht mehr, deine Worte sind mir unverständlich, — und ein jeder trennte sich in den entgegengesetztesten Weltgegenden — die meisten mit dem Wahnsinn, den Babelthurm dennoch auf eigene Weise zu bauen.
Dann kam der politische Druck und riß mich zum Haß und Wiederstreben hin in einer Reihe von Jahren. Nun ist der riesenhafte Dämon verschwunden, der mich so lange leidenschaftlich gegen sich wafnete, wie das geistige Riesenbild, welches mich mit so unsäglichen Versprechungen lockte — und es liegt nun alles da, wie ein verschwundener Traum. —
Was wären wir, wenn nach einem solchen Traum, uns nichts übrig bliebe, als ein nüchternes Erwachen? ein Dünkel, der sich eben mit seiner Leerheit brüstet, als mit einem neuerworbenen, und ganz eigenen wunderbaren Schaz, dessen Werth zu schäzen nur den erfahrenen vergönnt ist. —
Aber Gottlob! ein Jeder Mensch ist, wie der erste, im Paradies geboren, in seinem Paradies, seine Natur. Ja mit einem jeden Menschen wird ein Gottessohn gebohren, obgleich nur der eine erschienen ist, und das Antliz Gottes in allen verzerrt wird. Der Herbst leistet nie, was der Frühling verspricht, der Mann nie, was das Kind hoffen ließ. — Der Mann will begreifen, nur das Kind kennt den Glauben. — Ja, was ist alle Religion anderes, als der Kinderglaube der Geschichte?
Und so, lieber Tieck! sind mir die Träume meiner Kindheit näher gerückt, und ich glaube an die Natur, und an das Leben, und forsche nach diesem Glauben, und wie er mirs gebiethet, und ich kann Dir kaum sagen, wie innerlich glücklich ich mich fühle in einer Beschäftigung, die wenig von der gewöhnlichen der Physiker sich unterscheidet. Seit ich wieder zu Hause bin, war ich sehr fleißig. Es ist als mahnten mich die Jahre, als triebe mich ein unsichtbarer Geist, der mir keine Ruhe läßt — Es ist ganz das Gefühl, was mir in den schönen Tagen der Freundschaft, der Liebe, der Begeisterung in Dresden belebte.
Und so habe ich nun manches, und nur von mir gesprochen. — Ueber Deinen Phantasus, über Deinen William Lovell möchte ich mit Dir sprechen — und überhaupt, das muß nun ehestens geschehen, denn ich halte es nicht länger aus, und habe noch nie eine solche Sehnsucht gefühlt mit Dir zusammen zu seyn. Meine Frau grüßt — und ich hoffe, daß Deine Frau mich noch so liebt wie in frühern Zeiten — Hanne schreibt Dir bald, und sagt mir, daß ich noch einmahl das Malchen, Dorothee und Agnes herzlich grüßen soll.
Dein
Steffens.
VI.
Breslau, 20t. Januar 1816.