Mein hochverehrter Freund!

Der Dichter Emanuel Geibel, mit dem ich diesen Sommer in Marienbad zusammengetroffen bin, hat mich gebeten, ihn bei Ihnen einzuführen oder doch in Erinnerung zu bringen. Was sein entschiedenes und großes Talent als Dichter angeht, das sich in den bereits erschienene sechs Auflagen seiner Gedichte in immer steigender Fülle, Anmuth und Tiefe bewährt hat, wird er keiner Empfehlung bei Ihnen bedürfen. Doch auch was seine Persönlichkeit, seine Ansichten über Litteratur, Drama und Theater betrifft, hoffe ich, daß er Ihnen in seiner frischen, selbstständigen, im ächten Sinne freien Stellung gewiß zusagen wird. Er wandelt, keinem der Vorschreier des Tages huldigend, ja ihnen zum Theile muthig den Krieg erklärend, seinen eigenen Weg und ich werde der wenigen mit ihm verlebten Tage immer mit der frohen Erinnerung gedenken, mich einmal mit der Jugend der Zeit in einem ihrer besten Vertreter im Einklange gefühlt zu haben.

Die schwermüthige Stimmung und Ansicht des Lebens, die in Ihren bei Rücksendung der Briefe Dorotheens an mich gerichteten Zeilen herrscht, hat mich nicht bloß gerührt, sondern wahrhaft erschüttert. Auch Sie, der in so vollem Sinne in der Poesie „die heitre Wissenschaft“ gefunden haben, am Schlusse des Lebens von so dunklem Flore umfangen! Ich wage es nicht, diese Saite (besonders hier, wo es doch nur oberflächlich geschehen könnte) weiter zu berühren. Meines tiefsten Antheiles und wohlwollendsten Verständnisses sind Sie ja auch ohne Versicherung gewiß. Ihre Zeilen habe ich jenen theuern Briefen, gleichsam als das Schlußwort derselben, beigefügt; sie sollen miteinander bewahrt bleiben.

Empfangen Sie, mein hochverehrter Freund, meinen innigsten Glückwunsch zu Ihrer Genesung, die ich zu meiner Freude in demselben Zeitungsblatte gemeldet fand, wo mir die erste Nachricht von Ihrem Erkranken bei Gelegenheit der gebrauchten Weintraubenkur wurde. Möchte diese Kur trotz der bösen Störung wenigstens nachträglich die gewünschten Früchte getragen haben. Mit mir geht es in Folge meiner Badekur in Marienbad und einer ebenfalls später gebrauchten Weintraubenkur ganz leidlich; doch bin ich noch immer angewiesen, die besten Erfolge erst von der Zukunft zu hoffen.

Mit der freudigen Hoffnung auf ein durch beiderseitiges besseres Befinden erheitertes Wiedersehen im nächsten Herbste und der Bitte, mich der Frau Gräfin, so wir Raumer, Waagen und allen Freunden angelegentlichst zu empfehlen

Ihr dankbarer

und getreuer

F. Uechtritz.