Ueber die Maler van Eyck (1822.) — Kunstwerke und Künstler in England und Paris, 3 Bde. (1837–39.) — Kunstwerke und Künstler in Deutschland, 2 Bde. (1843–45.)

Aus vielen vorhandenen Zuschriften, welche W. an seinen verehrten Freund und Oheim im Laufe langer intimster Verhältnisse gerichtet, haben wir nur einen ausgewählt, und diesen gerade, weil er vom Tode der unvergeßlichen Dorothea handelt, und uns die Menschen und ihr Verhältniß zu einander klar macht. An alle übrigen durften wir uns, ihrer Familien-Beziehungen halber, nicht wagen. Als erwünschten Anhang zu diesem Briefe geben wir eine Einlage des späteren königl. General-Adjutanten und Gesandten in Rom[14], Freiherrn von Willisen. (Nr. 4.) — Zwei höchst bedeutende Schreiben Tieck’s (Nr. 1 und 2) hat dieser schon, als für den Druck bestimmt, in Abschrift seiner Sammlung beigefügt.

Ludwig Tieck an Waagen.

I.

Zibingen, den 4. Febr. 1815.

Mein liebster Gustav!

Immer wieder von neuem erfreut mich Deine Liebe zu mir, und jedes Wort von Deiner Hand thut mir wohl, nur schmerzt es mich zu hart, daß Dein Gesundheitszustand so wenig ist, wie er sein sollte, daß Du schon seit vier Monaten das Zimmer nicht hast verlassen können. Ich hoffe, mit dem Frühjahr soll es Dir besser gehn. Dieser Winter ist ungesund, und ich habe mich auch seit lange nicht wohl befunden, so daß auch meine Arbeiten auf mancherlei Art sind unterbrochen worden. Es thut mir, wie Dir leid, daß Du nicht nach Heidelberg gehen kannst, indessen mußt Du Dir nicht schon vorher Deinen künftigen Aufenthalt in der Phantasie zu sehr verleiden; Breslau hat schöne Denkmäler der Architectur, merkwürdige Alterthümer, herrliche Bibliotheken, in denen sich wahre Seltenheiten, auch treffliche Manuscripte befinden. Das Volk gefällt mir eben so wenig, wie Dir, indessen leben doch viele ausgezeichnete Menschen dort, wovon Dich viele, wie ich hoffe, gut und freundlich aufnehmen werden: was ich Dir dort irgend nützlich sein kann, soll Dir gewiß nicht fehlen, ich will Dir an v. d. Hagen einen Brief schicken, den zweiten Raumer kennst Du durch den Bruder, doch werde ich noch Deinetwegen an ihn schreiben. Du hast doch den Vortheil zum wenigsten, daß Du bei Verwandten im Hause wohnen wirst, wo Du wie ein Sohn und Bruder wirst sein können, und Dich nicht plötzlich in eine fremde ferne Welt hinausgestoßen fühlen, was Einem in den jungen Jahren recht bange thun kann. Vielleicht hast Du in der Zukunft doch noch Gelegenheit zu reisen, vielleicht auch noch auf einer andern Universität zu studiren. Hüte Dich nur, das ist das Wichtigste, vor der Hypochondrie, lerne Dich ein, jede Stunde des Lebens zu genießen und froh zu sein; der heitre Mensch lernt und denkt in einer Stunde mehr, als der trübe und verstimmte in Wochen. Nur Heiterkeit bringt den wahren, gedeihlichen Fleiß hervor. —

Es ist schön, daß Du so fleißig bist, ich hoffe, Du bist es nicht zu sehr; nur, Liebster, hast Du denn auch gute Ausgaben der Classiker? Denn das ist die Hauptsache, um sie in Deinen Jahren mit Nutzen zu lesen. Vielleicht kann Dir Gustav Alberti damit aushelfen. Theile Dir Deinen Tag etwas ein, und ermüde Dich nicht zu lange über einem und demselben Buch. Lies ja auch Griechische Autoren, Plutarch, wenn Du schon so weit bist, den Thucydides, und neben dem Homer den Sophocles. Tacitus ist erst wahrhaft groß in seinen Annalen und der Geschichte. Was Du mir vom Horaz und Virgil schreibst, begreife ich wohl. Ich habe an mir selbst und an Mitschülern in der Jugend die Erfahrung gemacht, daß diejenigen jungen Leute, die wirklichen Sinn für die Poesie hatten, lange Zeit den Alten keinen Geschmack abgewinnen konnten. Trifft es sich, wie es natürlich geht, daß wir unter den Neuern Lieblinge antreffen, und uns irgend einen großen Dichter der neuern Zeit befreunden, so werden dadurch leicht die größten Schönheiten des Alterthums auf gewisse Weise verdunkelt, so daß uns erst späterhin wieder der Sinn für diese aufgeht. Dazu kommt, daß die einfache, rührende Größe des Alterthums erst recht einleuchtet, wenn wir vieles in uns überwunden, durchlebt, Irrthümer erfahren und abgelegt haben. Warum soll denn auch die Jugend das Interessante, Blendende, Sonderbare nicht vorziehen dürfen? Doch laß Dich, mein Lieber, ja nicht in Deiner Verehrung für den Cervantes irre machen, so ist es nicht gemeint, und ich wünschte nur, Du könntest diesen großen Meister erst Spanisch lesen, um ihn noch mehr zu verehren; studire nur recht den Shakspeare und Goethe, und wohin Dich Deine Neigung führt, die bei Deinem wahrhaft poetischen Gemüthe gewiß nichts Abgeschmacktes oder Unedles ergreifen wird. Es kann ja auch sein, daß in Dir selber ein zukünftiger Dichter schläft, und jemehr dies der Fall ist, je bestimmter und einseitiger wirst Du vieles von Dir zurückstoßen und Dir andres gewaltsam aneignen: die Universalität sollen wir in der Jugend, und vielleicht nie, haben; ein frühzeitiges Streben danach erstickt Talent und Urtheil, und viele neuere Schulen, die neben der Sprachgelehrsamkeit auch ästhetisch hierin haben verfahren wollen, sind auf dem allerfalschesten Wege gewesen. Alles, was ich aber hier gesagt habe, kann sich überhaupt kaum auf die Römer beziehn, und ich theile hierüber nur Deine Gefühle, denn genau zu sprechen, haben sie wohl keine Dichtkunst, wie keine Kunst besessen; Herrschen, Reden, Geschichte schreiben, Krieg führen, dies waren ihre Talente. Was sie an Poesie aufzuweisen haben (wenn nicht das Alte, Einheimische untergegangen ist) ist auch nie national geworden, wie bei den Griechen: was ist Plautus und Terenz anders, als Uebertragung und Verderbung griechischer Vorbilder? Wie mögen die Verse der griechischen Lyriker anders ausgesehen haben, als wir sie beim Horaz wieder finden? Da, wo wir ihm auf der Spur sind, sehn wir den Unterschied nur gar zu deutlich. Der originellste Dichter der Römer ist nach meiner Meinung Ovid, nur ist er oft gering und klein; Catull ist mir sehr lieb, und im Horaz seh ich den feinen, edlen Weltmann, mich erheitert die Urbanität seiner Gesinnungen und mich reizt die Eleganz seines Ausdrucks, aber wenn ich an große, an wahre Dichter denke, ist er der Letzte, der mir in’s Gedächtniß kommt. Darum sind auch seine Satyren eigentlich nur das Werk, von dem man als einem recht eigenthümlichen sprechen kann. Welchen falschen Einfluß sein lustiger Brief ad Pisones, den man ars poetica hat nennen wollen, auf die Bildung der neuern Welt gehabt hat, wird Dir wohl noch einmal in Zukunft recht deutlich werden. Kann es eine unglücklichere Aufgabe für einen Poeten geben, als überhaupt die Art des Landbaus beschreiben zu wollen und zu lehren, oder gar wie es Virgil gethan hat? Das sind die Gedichte, die nur entstehn können, wenn ein Volk Luxus genug hat, um auch Dichter haben zu wollen, mißverstandenen Stolz genug, daß sie lehrreich sein, und Verirrung aller Begriffe, Mangel an Kunst und Enthusiasmus, daß sie sich mit gezwungener Künstlichkeit auf etwas beziehen sollen. Wie sieht dagegen das unschuldige, aus dem Gemüth geschriebene, aber freilich auch unpoetische alte Spruchgedicht des Hesiodus aus! Ueberhaupt, Lieber, mache Dich nur mit frischem Muth an die Griechen, und ich bin fest überzeugt, daß sie Dir einleuchten und Dich begeistern werden, ohne daß deshalb Deiner zärtlichen Liebe für die Neuern Eintrag geschieht.

Wie Du den Homer liebst, weiß ich; auswendig muß man ihn wissen, er ist kein Dichter mehr, er ist Natur, Menschheit und Kunst selbst; kannst Du zum Aeschylos und Sophocles gelangen, so studire sie, und auch nachher den Pindar. Euripides ist eine höchst merkwürdige Zerbrechung griechischer Kunstvollendung und mir darum sehr lieb und wahr, weil er mir manche große Erscheinung der Neuern erklären hilft. Gegenüber die großen Prosaiker Herodot, Thucydides und dann Plato, Aristoteles, welche Namen! Der Theocrit wird Dir gewiß zusagen, um so weniger Dir Geßner gefällt. Livius, Tacitus, alle Geschichtschreiber der Römer studire fleißig und die lateinischen Dichter der Sprache, weniger des Inhalts wegen. Die Philologie ist überhaupt eine Wissenschaft, in der sich alles in einem herrlichen Zirkel vereinigt, und selbst das Unbedeutende wichtig wird, weil es erklärt, etwas Wichtiges erhellt, und so durch das ganze Studium Ein Leben geht. — Erhalte Dich nur gesund, halte gute Diät, bewege Dich im Freien, wenn das mildere Wetter eintritt. Will Dich Melankolie überschleichen, so gedenke an den Wechsel aller Dinge, den Untergang der Staaten und Herrscher, und übe Dich, auch das Größte und Ernsteste im komischen Lichte zu sehen. — Vielleicht findet sich im Frühjahr Gelegenheit, daß Du uns besuchst, ich möchte noch mündlich über vielerlei Gegenstände mit Dir sprechen: in Prag warst Du heiter, sei immer so; damals war die Lage der Welt gewiß trostlos und Deine eigene nicht erfreulich zu nennen. —