Liebster Onkel.
Ich bin überzeugt, Du wirst es nicht für Mangel an Theilnahme halten, daß ich Dir bisher nicht geschrieben. Jeder hat seine Art zu fühlen, und die meinige ist, daß mir in einem solchen Fall, der die Natur bis in ihre geheimsten Tiefen durchschüttert, jedes, auch das bestgemeinte, das innigste Wort so unbeschreiblich dürftig und arm erscheint, daß ich eine gewisse Scheu habe, es auszusprechen. Und was konnt’ ich vollends einem Manne wie Dir sagen, der dieses vor so vielen andern auf seine Weise durcharbeiten muß! Von der Größe Deines Schmerzes konnt ich mir aus dem, den ich empfand und noch empfinde, eine Vorstellung machen, denn nach dem Tode des seeligen Vaters hat kein Fall mich so erschüttert, als dieser. So muß das Gefühl sein, wenn man eine unendlich geliebte Schwester verliert, denn es ist mit Dorothee mir ein Wesen hingeschieden, was zu meinen geistigen Lebenselementen gehörte und mir durchaus unersetzlich ist. Ich habe ihr Todtenopfer auf meine Weise dadurch begangen, daß ich mir alle die schönen Zeiten, welche ich in Deinem Hause von frühster Kindheit mit ihr erlebt, auf das lebhafteste vergegenwärtigt habe. Ihr ganzes Wesen, die wunderbare Einfachheit, Wahrheit und Schlichtheit, womit sie sich über die tiefsten und zartesten Beziehungen des Lebens aussprach, was ich immer am meisten an ihr bewunderte, ist mir dadurch auf das Erquicklichste vor die Seele getreten. Nach einem solchen Verlust müßen alle Deine Freunde sich enger und inniger an Dich anschließen, und so fühle auch ich denn die reine Liebe, mit der ich Dir von ganzem Herzen zugethan bin, liebster Freund, jetzt doppelt lebhaft. Du bist mir von Kindesbeinen an mit Rath und That immer ein treuer Eckhart gewesen. Es hat mich daher sehr beruhigt, daß Dein Schmerz sich bald in Thränen hat Luft machen können. Sehr gefreut hat es mich aber, daß Du den Blick in die Zukunft richtest, daß Du durch Umziehen und Reisen ein neues Leben beginnen willst. Gewiß die rechte und einzige Weise, um einen solchen Schlag in Deinen Jahren zu verwinden, wie die Faßung dieser Entschlüße dafür bürgt, daß es Dir gelingen wird. Wie unendlich leid thut es mir jetzt, daß die vielen Geschäfte, welche der Regierungswechsel im vorigen Jahre mir zu Wege brachte, mich verhindert haben, den alten, beglückenden Zustand als ein Glied Deiner Familie noch einmal zu genießen! Mit Deinem Herkommen im Laufe dieses Sommers, wird dafür ein Lieblingswunsch von mir in Erfüllung gehen. Dein Aufenthalt in Sanssouci gestaltet sich jetzt sehr behaglich; an dem Dich so sehr verehrenden Willisen wirst Du einen treuen und feinen Vermittler in allen Deinen Beziehungen zum König und auch in allen Dingen einen höchst practischen Beistand haben. Du kannst Dich ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen hingeben, da er einer der wenigen Menschen ist, die durchaus zuverläßig sind. Wie freue ich mich darauf, Dir bei der Schau des Museums alles möglichst bequem zu machen!
In meinen Arbeiten bin ich seit meiner Rückkunft aus Wien viel gestört worden, indeß wird doch der erste Theil meines Reiseberichts, der das Erzgebirge, die Städte in Franken, so wie Nördlingen und Augsburg umfaßt, in diesem Frühjahr bei Brockhaus gedruckt werden können. — Seit vier Wochen leide ich so sehr an einem heftigen Anfall von Hämorrhoiden, daß ich das Zimmer hüten muß und von Schmerzen und schmaler Diät ganz matt bin.
Da außer Dir Schlegel, Schelling, Cornelius und die Grimms diesen Sommer hier sein werden, wird hier ein recht lebhafter geistiger Verkehr stattfinden. Nur den treuen Raumer wirst Du freilich immer sehr vermißen.
Mit der Bitte der herzlichsten Grüße an die Gräfin, womit auch Blandine die ihrigen für Dich und sie vereinigt in treuer Liebe
Ganz Dein
Gustav Waagen.
IV.
Berlin, 20/2. 41.
Verehrtester Herr Hofrath.