Wie ich dir sagte, Sadi, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.
Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.
Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben, so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.
Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe Ali's verdient.
Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast seines Vaters.
Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe. Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich. Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, — itzt kam er in sein Zimmer. — Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. — Wie? — rief er aus, — sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?
Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: — es gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem Augenblicke ab, — jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. — Er suchte lange und unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte seine Hand darnach aus, — es waren die erwünschten fürchterlichen Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte. —
Siebentes Kapitel.
Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. — Nur ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. — Das einzige lebendige Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.