Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte nach einiger Zeit: O vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper, und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß unser Eulenspiegel nichts als eine Umwandlung des berühmten verlorenen Margites ist. Wie recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stände in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und hinab zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß hier auf meine Verwunderung zurück kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit fanatischer Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreißig Jahren der gute alte Büsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemüht, Patriotismus und die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte mir doch nur das Böse nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon hervorgebracht haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer berühmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich verdächtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Späße im Eulenspiegel und den Schildbürgern die Nation verderben können? Wird man denn die Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein setzen, der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen Bruders aufzeichnet und der Behörde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne moralische Gewäsch, welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, von gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkräutern und Wohlthätigkeit, die niederen Stände so tief in die edle Gesinnung hinein und unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das künftige Jahrhundert!
Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und Zauberbücher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu verbannen, so hätte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren anfängt.
Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verständliche Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbücher in die Hände zu spielen suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer Beschämung, eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem deutschen Bauer etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe man doch überhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wäre dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche, schwächliche Bildung Nationen aufzuprägen.
Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs unterbreche, es wird sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben.
Er fing an.
Die Elfen.
1811.
Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater.
Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete die Mutter, mit dem Sohne unsers Nachbars.
Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind unbesonnen.
Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist heiß! sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nähe sind.