Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er früh wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er eröffnete das Fenster, und sah dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, nur waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt längeres Leben als der ganze übrige Zeitraum.
Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter mannichfaltigen Gesprächen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich, so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt Ihnen unser Freund, der gute mürrische Alte?
Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man könnte ein rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen.
Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich brennenden Augen, diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und diesem seltsamen Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse Geister sich in Menschen verkleiden wollen, müssen sie eine solche Gestalt annehmen.
Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, antwortete die Mutter; aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht wieder. Man sieht, daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; er mag, wie Leopold sagt, viel Unglück erlebt haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur den Glücklichen eigen ist.
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige Gesellschaft hinzu trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde saß neben Agathe und dem reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu müssen wir unsern Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen, aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut geschäftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut ist sie besonders glücklich, weil sie sich in der Schönheit ihrer Tochter wieder verjüngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam mit dem Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte, was ihm das liebste und erwünschteste war. Die Braut trank das Wohlsein ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder nach der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr kam. Nur dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch, daß sie alle Männer für ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer Frau würdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes plötzlich ein zürnender Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so strenge meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige, was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungefälschte Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt.
Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden neigte, daß sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen in der Stadt gewesen sein.
Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen, denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schöne Bildniß hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des Weines, seine Hand zitterte; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn aus dem leuchtenden Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein? sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und setzte den Pokal an die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen fragenden und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser schöne Becher? sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schämte. Vor vielen Jahren schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher für einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum verwirrt, um auch nur aus der Ferne die übrigen in sein Gemüth schauen zu lassen.
Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen Leute sich zurück gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen. Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst bewegte.
O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thörichten Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als gehöre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es, daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben sind. Ihre schöne Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem Mädchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, nein, der Ausdruck sagt zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen, und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden. Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so beschloß er, sah ich draußen im Park meine Geliebte zum letzten mal, indem sie über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und bald darauf vermält.