Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert.

Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat, um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie.

Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest.

Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen, reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte, wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste, Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht, nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren, sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So erscheint mir Mozarts Musik.

Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst, vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt, bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt, sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht.

Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.

Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden, sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als eingegeben scheinen.

Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß ich sie damals niederschreiben mußte, und daß ich von den oft besprochenen Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die geistliche Musik hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klänge verbindet und mit einander ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung, sich selbst genügend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie der Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der würdigste Repräsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der Schöpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton, und will in jene alte Unschuld zurück stürmen und das Paradies wieder erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre, charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tändeln, arglos in der Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf gelinde Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen ausgießen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir hierin das Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so wenig verstanden, als Correggio von denen gefaßt wurde, die sich nach ihm bilden wollten. Das ähnliche sagen folgende Sonette, welche die Musik selber spricht.

Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen

Entzündeten sich brünstig im Verlangen,