That liberal shepherds give a grosser name,
But our cold maids do dead men’s fingers call them.
Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.
So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen, wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen seine Blüte abwirft.
Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie, wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem Reinen ist alles rein.
Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten Scherze unschuldig.
Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen zu treffen scheinen.
Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome’s Schriften endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den Tag zu legen.
Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig findet.
Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt.