Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
Die reizend unterhalten und zuletzt
Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind.
Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.
Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.
Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein fügen. Doch glaub’ ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.
Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche Anlagen umarbeiten möchte. — — Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder natürlich sei?
Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und dasselbe.
Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.