Ich bin begierig, sagte Ernst.

Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit, denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch noch keine China gebrauchen.

So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese Periode?

Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen, gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger, Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich.

Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.

Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch gehender Rezensent so eben behauptet.

Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe.

Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen, für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle, herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war ich geheilt, und schon durft’ ich mit Vorsicht kühlende Getränke genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen Wochen konnt’ ich schon die Hoffnung fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. — Aber eilt, man läutet schon die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.

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Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern.