Hierauf dankte der König mit sehr freundlichen Worten, und sagte: Sollte es uns gelingen, wie ich denn nicht zweifle, den Türken zu besiegen, so hat mein Bruder, der König von Böhmen, eine einzige Tochter, die er ohne meinen Rath und meine Einwilligung nicht verheirathet; diese verspreche ich hiemit, sie dem Grafen Reinhardt, Eurem Bruder, zu einer ehlichen Gemalin zu geben, wodurch er dereinst nach meines Bruders Tode König von Böhmen wird, da mein Bruder kein andres Kind hat.
Beide Grafen dankten hierauf dem Könige für seinen guten Willen, und Antonius war sehr vergnügt darüber, daß sein Bruder Reinhardt eine Aussicht auf ein Königreich hatte, welches er ihm von Herzen gerne gönnte. Er beschloß daher, um die Sache noch gewisser zu machen, sogleich mit seinem Bruder und dem Könige nach Böhmen dem Türken entgegen zu ziehen. Es wurde hierauf von ihnen eine große Macht zusammen gebracht und sie zogen damit durch Deutschland bis vor die Stadt Prag, welche der Türke eng belagert hielt.
Es war gerade an dem, daß der König von Böhmen einen kühnen und tapfern Ausfall gegen die Ungläubigen that, um sie von der Stadt abzutreiben, da wurde von beiden Seiten sehr tapfer gefochten, viele Heiden, aber auch viele Christen erschlagen und endlich mußten die Christen der türkischen Uebermacht weichen. Ja, was noch schlimmer war, der König von Böhmen, der sich sehr tapfer hielt und ungern den Rückzug anstellte, wurde mit einem Pfeile dergestalt durch den Leib geschossen, daß er sogleich todt zur Erden niederfiel. Wie die Böhmen ihren König gefallen sahn, wurden sie völlig sieglos und die Türken triumphirten, die Böhmen zogen sich in die Stadt zurück und die Ungläubigen blieben Meister vom Felde, worauf sie der Stadt Prag noch härter mit Belagern zusetzten.
Die heidnischen Türken nahmen hierauf in ihrem Uebermuthe den Leichnam des Königs von Böhmen, legten ihn vor den Augen der böhmischen Landesherren, die auf der Mauer standen, auf einen Scheiterhaufen und brannten ihn zu Pulver, welches jene nicht ohne Thränen ansehn, aber dennoch nicht verhindern konnten. Am meisten aber war die königliche Prinzessin Eglantina betrübt, als sie diese kläglichen Neuigkeiten vernommen hatte; sie rang die Hände, seufzte und sprach: ach! was soll ich arme, Vater- und Mutterlose Waisin doch wohl anfangen? Meine Mutter ist gestorben, so haben mir die Türken meinen Herrn Vater gar zu Pulver verbrannt, verderben mir Land und Leute, nehmen mein Königreich weg, und ich muß am Ende noch, ich Unglückseligste, den christlichen Glauben verläugnen und zum Heidenthume übergehn, um nur beim Leben zu bleiben, vielleicht muß ich gar einen Sohn oder Anverwandten des türkischen Kaisers heirathen, um nur bei Ehren zu bleiben.
Dergleichen Klagen verführte die Prinzessin Eglantina sehr viele und häufige, und es kam beinah so weit, daß sie sich in die Verzweiflung ergab, als ein Bote kam, der ihr zu ihrer größten Freude die Nachricht überbrachte: daß sich der König von Elsaß mit zwei Brüdern aus Lusinien in Frankreich und einem großen Heere der Stadt nahe, um sie zu entsetzen. Da dankte sie Gott von Herzen und hörte wieder auf den Trost, den ihr ihre Freunde zusprachen, brachte auch ihre Kleider und Haare wieder in Ordnung, die sie zuvor zerrissen hatte.
Die Türken waren eben dabei, im Sturm die Stadt gar zu ersteigen, als sie die Nachricht durch einen andern Boten erhielten, ein großes christliches Heer sei im Anzuge; darauf verwunderten sie sich, ließen vom Stürmen ab, beriefen die Trompeter zur Schlacht zu blasen, stellten sich in Ordnung, und wehrten sich gegen den tapfern Angriff der christlichen Heerschaaren. Das Treffen war sehr blutig, doch behielt endlich die gerechte Sache die Oberhand, sonderlich durch das großmüthige Betragen der beiden Brüder Antonius und Reinhardt, die unglaublich viel heidnisches Volk mit eignen Händen todtschlugen. Der türkische Kaiser wurde wüthend, da er seine Armee verlieren sah, und brachte wieder viele der Christen um, doch ersah ihn endlich Graf Reinhardt, stürzte sich auf ihn und hieb ihm nach einem kurzen Kampfe und einiger Verwundung seinen Kopf völlig herunter. Als das die Türken wahrnahmen, wurden sie ganz sieglos und begaben sich auf die Flucht; so behielten die christlichen Fahnen das Feld, und der König von Elsaß ließ hierauf auch einen großen Scheiterhaufen errichten, den türkischen Kaiser sammt allen getödteten Ungläubigen darauf legen und sie zur Wiedervergeltung ebenfalls zu Pulver verbrennen.
Der König von Elsaß zog hierauf in die Stadt Prag, wo ihm die Prinzessin traurig und weinend entgegen kam; der König aber tröstete sie und sagte: gieb Dich nur zufrieden, liebste Muhme, das Geschehene ist nicht mehr zu ändern, Dein Vater ist zwar mit Tode abgegangen und Dein Land ist Dir von den Feinden einigermaaßen verderbt worden, indessen haben wir doch auch durch Gottes Gnade unsre Rache erhalten, denn ich habe den türkischen Kaiser und die Seinigen wieder zu Pulver brennen lassen. Die Prinzessin antwortete: somit habe ich doch immer meinen Herrn Vater verloren, und um ihn muß ich klagen und trauern. Das geziemt sich, sagte der König, indessen ist es auch vernünftig, Trost anzunehmen, war er doch mein Bruder und ich muß mich darin finden, so magst Du es denn auch thun, wir wollen ihm ein ehrliches und schönes Begräbniß zurichten, mehr kann er nicht verlangen.
Bei dem Begräbniß beschaute das Volk von Böhmen die beiden Brüder aus Lusinien, und es dünkte ihnen wunderbar, daß der Graf Antonius eine Löwenklaue auf der Wange und der Reinhardt nur ein Auge habe, doch gefielen sie den Leuten sehr wegen ihres edlen Anstandes und weil sie wußten, daß diese Brüder sie meistentheils von den Türken erlöst hatten. Nach dem Begräbnisse versammelte der König von Elsaß alle Landesherren des böhmischen Reichs und stellte ihnen vor, wie sie nunmehr ihren guten König verloren, so daß sie sogar sein Leichenbegängniß ohne Leiche hätten feiern müssen, das Königreich sei nun an die Prinzessin Eglantina, seine Tochter, gefallen, aber ein Weib sei zu schwach, das Land auf die gehörige Weise zu beschützen, sie möchten sich daher nach einem frommen Könige umthun, dem sie alle gern gehorchten, und dem die Prinzessin ihre Hand und Liebe schenken möchte.
Die Landesherren antworteten, daß sie alles in sein eignes hohes Belieben stellen wollten, er möchte nach seiner trefflichen Vernunft alles einrichten und das Reich entweder selber als König in Besitz nehmen, oder ihnen einen andern tugendhaften Mann vorschlagen, dem sie dann alle gern dienen wollten. Herauf wandte sich der König gegen die beiden Brüder aus Lusinien und sagte: nun ist die Zeit gekommen, daß ich mein Wort halten kann, Euch, tapfrer Reinhardt, zum Könige von Böhmen zu machen; hier, Ihr Landesherren ist der Fürst, den ich Euch ausgesucht habe und der Euch gewiß immer gut beschützen wird, denn er hat sich schon dermalen gut erwiesen, indem er dem türkischen Kaiser den Kopf herunter gehauen und sein Volk zerstreut und erschlagen hat.
Die Landesherren waren mit der Wahl des Königs vollkommen zufrieden, worauf sich die beiden Brüder, insonderheit Reinhardt bedankten. Die Prinzessin war vergnügt, einen so tapfern Helden zum Gemal zu bekommen, der ihren Herrn Vater so schön gerochen, indem er den heidnischen Kaiser und die Seinigen zu Pulver verbrannt. Man feierte die Hochzeit prächtig, aber ohne Tanz und Saitenspiel, weil man noch den gestorbenen König betrauerte, doch wurde ein großes Thurnier gehalten, wo sich beim Stechen Reinhardt sonderlich hervorthat, so daß die Böhmen wahrnahmen, welch einen tapfern und in Waffenübungen geschickten König sie erhalten hatten. Antonius zog hierauf in sein Herzogthum, zu seiner Gemalin zurück, und der König von Elsaß begab sich ebenfalls in sein Königreich, nachdem alle herzlich von einander Abschied genommen hatten.