Mit schwerem Herzen ging der junge Mann durch die Thüre. Mit wie so andern Gefühlen, dachte er bei sich selbst, schritt ich sonst mit meinem würdigen Vater durch diese Zimmer! Das ist das erste Mal, daß ich mich zu dergleichen hergebe, und es soll auch das letzte seyn. Wahrlich das soll es! Und es ist Zeit, daß ich von mir und der Welt anders denke.
Er trat weiter im Saale vor, indem er ein eingehülltes Gemälde an die Wand stellte. Wie man nur so unter leblosen Bildern ausdauern kann, und einzig in ihnen und für sie da seyn! so setzte er seine stummen Betrachtungen fort. Ist es nicht, als wenn diese Enthusiasten in einem verzauberten Reiche untergehen? Für sie ist nur die Kunst das Fenster, durch welches sie die Natur und die Welt erblicken; sie können beide nur erkennen, indem sie sie mit den Nachahmungen derselben vergleichen. Und so verträumte doch auch mein Vater seine Jahre; was nicht Bezug auf seine Sammlung hatte, war für ihn nicht bedeutender, als wenn es unter dem Pole vorfiele. Seltsam, wie jede Begeisterung so leicht dahin führt, unser Dasein und alle unsere Gefühle zu beschränken.
Indem erhob er sein Auge, und war fast geblendet oder erschrocken vor einem Gemälde, welches in der obern Region des hohen Saales ohne den Schmuck eines Rahmens hing. Ein blonder Mädchenkopf mit zierlich verwirrten Locken und muthwilligem Lächeln guckte herab, im leichten Nachtkleide, die eine Schulter etwas entblößt, die voll und glänzend schien; in langen zierlichen Fingern hielt sie eine eben aufgeblühte Rose, die sie den glühend rothen Lippen näherte. Nun wahrlich! rief Eduard laut, wenn dies Bild von Rubens ist, wie es seyn muß, so hat der herrliche Mann in dergleichen Gegenständen alle andern Meister übertroffen! Das lebt, das athmet! Wie die frische Rose den noch frischeren Lippen entgegen blüht! Wie sanft und zart die Röthe beider in einander leuchtet und doch so sicher getrennt ist. Und dieser Glanz der vollen Schulter, darüber die Flachshaare in Unordnung gestreut! Wie kann der alte Walther sein bestes Stück so hoch hinauf hängen und ohne Rahmen lassen, da all das andre Zeug in den kostbarsten Zierden glänzt?
Er erhob wieder den Blick und fing an zu begreifen, welche gewaltige Kunst die der Malerei sei, denn das Bild wurde immer lebendiger. Nein, diese Augen! sprach er wieder zu sich selbst, ganz im Anschauen verloren; wie konnten Pinsel und Farbe dergleichen hervorbringen? Sieht man nicht den Busen athmen? die Finger und den runden Arm sich bewegen?
Und so war es auch in der That: denn in diesem Augenblick erhob sich das reizende Bild, und warf mit dem Ausdruck schelmischen Muthwillens die Rose herab, die dem jungen Mann in’s Gesicht flog, trat dann zurück und verschloß klirrend das kleine Fenster.
Erschrocken und beschämt nahm Eduard die Rose vom Boden auf. Er erinnerte sich nun deutlich des schmalen Ganges, welcher oben neben dem Saale weglief und zu den höhern Zimmern des Hauses führte; die übrigen kleinen Fenster waren mit Bildern verhangen, nur dieses hatte man, um Licht zu gewinnen, in seinem Zustande gelassen, und der Hausherr selbst pflegte von dort oft die Gäste zu mustern, die seine Gallerie besuchen wollten. Ist es möglich, sagte Eduard, nachdem er sich aller dieser Umstände erinnert hatte, daß die kleine Sophie in einem Zeitraume von vier Jahren zu einer solchen Schönheit hat erwachsen können? — Er drückte unbewußt und in sonderbarer Zerstreuung die Rose an den Mund, stellte sich dann, starr auf den Boden sehend, an die Mauer, und bemerkte nicht, daß der alte Walther schon seit einigen Sekunden neben ihm stand, bis dieser ihn mit einem freundlichen Schlage auf die Schulter aus seiner Träumerei erweckte. Wo waren Sie? junger Mann, sagte er scherzend; Sie sind wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat.
So ist es mir selbst, sagte Eduard; vergeben Sie, daß ich Ihnen mit meinem Besuche lästig falle.
Wir sollten uns nicht so fremd seyn, junger Freund, sagte der Alte herzlich; es ist nun schon länger als vier Jahre, daß Sie mein Haus nicht betreten haben. Ist es recht, den Freund Ihres Vaters, Ihren ehemaligen Vormund, der es gewiß immer gut mit Ihnen meinte, wenn wir gleich damals einige Differenzen mit einander hatten, so ganz zu vergessen?
Eduard ward roth und wußte nicht gleich, was er antworten sollte. Ich glaubte nicht, daß Sie mich vermissen würden, stotterte er endlich. Es könnte Vieles, Alles anders gewesen seyn; allein die Irrthümer der Jugend —
Lassen wir das, rief der Alte im frohen Muth; was hindert uns, unsre ehemalige Bekanntschaft und Freundschaft zu erneuern? Was führt Sie jetzt zu mir?