Zugegeben, rief jener, Sie thäten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die ächte Humanität, keinen zu verschmähen, und aufzumerken, welche Thorheit wir schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu welcher wir keine Anlage spüren, warum wir uns für besser als andere halten dürfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmüthige Bescheidenheit in das gehörige Gleichgewicht zu setzen.
Dann thäten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit übertriebener Höflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben, und sich die mühseligen Umwege zu ersparen.
Und wo flösse diese?
Wie die Engländer, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit, der sich so für das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut versehenen Narrenhause als Kostgänger verpflegen lassen.
Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der größten Erbitterung: man sagt mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. — Er warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang hinunter.
Sie haben unsern edeln Unbekannten überrascht, sagte der Justizrath: wir werden seine theuere Gesellschaft darüber verlieren.
Er ist unerträglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehört, welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzählt, wie alle Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften anknüpft und wieder löst. Gestern vertraute er mir, daß er seine Heimath plötzlich verlassen habe, weil ein unglückliches Mädchen gegründete Ansprüche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brüstet, und nach neuen Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht.
Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern möge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehören, die sich mit einer Verworfenheit brüsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle.
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Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mußte sich seine Verdienste in den glänzendsten Farben dicht vor das Auge rücken, um seinen Verdruß zu überwinden. Indessen stellte sich bald seine gute Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus schmeichelte. Auf dem Walle, welchen große Linden schmückten, hatte er hinter einem Gitterfenster ein schönes blondes Köpfchen, einen blendenden Hals und Nacken bemerkt; schöne Augen hatten ihm nachgesehn, ein freundlicher Mund hatte ihn angelächelt, und ein dreister Gruß war ihm endlich bei seinem dritten Vorüberwandeln entgegen gekommen. Er hatte die Schöne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren: er wollte nur die zunehmende Dämmerung und die größere Einsamkeit der Gegend abwarten, um sich ihr zu nähern, Bekanntschaft zu machen, und sie, wenn die Umstände sich günstig erwiesen, zu besuchen. Er betrachtete sich selber wohlgefällig und ging mit Behaglichkeit die Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, daß diese phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zuführen solle.